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Logbuch
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Aus Sancara's Logbuch:Die erste Etappe (28. Mai - 23. Juni 2001) 5. Rundschreiben (Tunesien und Sardinien, Juni 2002) Die erste Etappe (28. Mai - 23. Juni 2001)Dreieinhalb Wochen sind wir schon unterwegs und da wird es Zeit für einen ersten Bericht . Einige von euch haben ja schon von den ersten Besuchern gehört, wie gut es uns geht und wo wir uns rumtreiben.Wir sind dabei uns auf Sancara einzuleben und haben schon die ersten 200 Seemeilen hinter uns gebracht. Andrea und Daniel wachsen langsam Seebeine und auch die verschiedenen Manöver klappen schon ganz gut. Aber nun der Reihe nach: Am Montag, den 28.5 kamen wir gut in Protoroz an und Sancara schwamm dort, wo wir sie zurückgelassen hatten. Nach einigen Vorbereitungen stachen wir dann am 30.5 mittags in See. In Piran sammelten wir die ersten Erfahrungen mit Zollbehörden. Anlegen am Zollpier, ausklarieren, ablegen. Möge es doch immer so einfach sein. Gegen den Wind kreuzend kamen wir gegen 19.00 Uhr in Umag an. Dort erleichterten uns die kroatischen Behörden gleich um 400 DM (Jahresgebühr, um die kroatischen Gewässer überhaupt befahren zu dürfen) und in der Marina mußten wir weitere 70 DM lassen. (Kroatien ist schweineteuer!) In Novigrad erlebten wir ein heftiges Gewitter, zum Glück sicher festgemacht in der Marina. Es hagelte und stürmte ca. 15 min daß sich die Bäume nur so bogen, dann war der ganze Spuck auch schon wieder vorbei und am nächsten morgen strahlte die Sonne von einem blankgeputzten Himmel. Über Pfingsten kamen Bettina und Klaus zu Besuch und brachten uns die Windfahnenselbststeueranlage und die Honda Dax mit (vielen Dank nocheinmal). Leider paßt das Moped nicht in den Schiffsbauch, da der Einstieg zu eng ist und so mußte es wieder mit nach München zurückfahren, sehr schade. Auch der Windpilot ließ sich nicht so ohne weiteres montieren und es braucht wohl noch einige Stunden Arbeit, bis wir nicht mehr alles selber steuern müssen. (Mathias arbeitet daran) Daniel schloß in Novigrad Freundschaft mit Alexander aus Wien und war tagsüber meist unterwegs. Am 4.6. ging es dann weiter über Porec nach Rovinj, wo wir doch noch Luisa, Lukas und Anke an Bord nehmen konnten. Luisas 8. Geburtstag feierten wir in einer schönen Ankerbucht nördlich von Rovinj mit Kerzen, Kuchen und Geschenken, aber auch Bootstouren im Bananaboat, Schnorcheln, Schwimmen und einem gemütlichen Abendessen im Cockpit. Die nächsten 2 Tage bließ es kräftig aus Süd, so daß die 3 auf dem Weg nach Porec und zurück einen kleinen Eindruck bekamen wie Segeln sein kann. Beim Abschied kullerten die Tränen und wir hoffen auf ein baldiges Wiedersehen. Für uns wurde es nun allmählich Zeit Istrien zu verlassen und so machten wir uns nach einem Stop in Veruda (südl. von Pula), wo Gabi an Bord kam, auf die Überfahrt nach Losinj. Daniels Geburtstag stand vor der Tür und der sollte natürlich entsprechend gefeiert werden. Das Geburtstagsfrühstück servierten wir in der einzigen Bucht mit Sandstrand weit und breit auf der Insel Susak und dort wurde auch ausgiebig gebadet und der neue Playmobil-Rettungskreuzer zu Wasser gelassen. Mittags gings zurück nach Mali-Losinj, wo uns Gabi schon wieder verließ (schön wars, zum Glück dauerts nur 2 Monate bis wir uns auf Malta wiedersehen). Und von dort gleich weiter in eine Bucht namens Balvanida. Einsam lagen wir dort vor Anker und konnten trotzdem im nahegelegenen Konoba (kl. Gastwirtschaft) ein richtiges Geburtstagsabendessen zu uns nehmen. Daniel durfte die Schafe dort mit einer ganzen Tüte altem Brot füttern. Die nächsten Tage hangelten wir uns von Insel zu Insel, wobei wir in einem unheimlich schönen Segelrevier unterwegs waren. Die Kornaten und die umliegenden Inseln bieten wirklich viel. Einsame Buchten auf dünn besiedelten Inseln, viele kleine, nur von Seevögeln bewohnte Inseln, mit Olivenbäumen bewachsene Hänge eingesäumt von Steinmauern und immer wieder traumhafte Ausblicke. Unser schönster Ankerplatz lag in Zut, in der Bucht Pristanisce. Dank der geringen Wassertiefe von Sancara konnten wir dort an dem kleinen Pier festmachen (es blieben höchstens 20 cm Wasser unserm Kiel). Von dort erwanderten wir die Bucht, erklommen einen der Hügel, kletterten am felsigen Strand entlang und genossen die wunderschöne Landschaft in vollen Zügen. Am nächsten Morgen wurde es allerdings spannend. Die Bora drückte uns gegen den Pier und das Auslaufen war gar nicht so einfach. Mathias war sichtlich erleichtert, als wir es geschafft hatten. In Smokvica lernte Daniel ein 7-jähriges Mädchen aus Frankfurt kennen und spielte den ganzen abend mit ihr und so war seine Freude groß, als am nächsten Tag, 1 Stunde nach uns, ihr Boot in den Hafen von Kaprije einlief. Legobauen, Krabbenfangen, ja selbst spazierengehen ist zu zweit einfach spannender. Und jetzt sind wir hier in Split, warten auf Klaus und planen die Überfahrt nach Griechenland, wo wir am 3.7. Janis, Gregor und Claudia an Bord nehmen wollen. Mathias macht seinen ersten Ölwechsel und sonstige Wartungsarbeiten, die Wäsche wird gewaschen und alles möglich muß eingekauft werden. Die Überfahrt haben wir in 5-6 Etappen geplant. Erst soll es nach Korcula und dann weiter nach Italien gehen. An der italienischen Küste Richtung Süden und dann direkt hinüber nach Korfu. Täglich stehen ca. 60 Seemeilen auf dem Plan und wir hoffen auf gutes Wetter und eine angenehme Brise. Daniel und ich sind immer noch nicht ganz seefest und so wird es für uns eine echte Herausforderung. Wir sind sehr froh, daß Klaus uns begleitet. Daniel verbringt die Segelzeit meist mit malen, spielen im liegen und Cassetten hören. Das wird nach einigen Stunden natürlich langweilig und so ist er froh, wenn wir nicht den ganzen Tag unterwegs sind. In der Bucht beim schwimmen, angeln, Krabben fangen und auf den Entdeckungstouren gefällt es ihm sichtlich. Er freut sich sehr auf den Besuch von Janis im Juli und auf Jessica, Manuel, Celia und Friedrich im August. Mathias und mir geht es gut auf Sancara, auch wenn von Ruhe und Müßiggang keine Rede sein kann. Dafür ist alles noch zu neu und vor allem für Mathias gibt es noch viel Arbeit am Schiff zu erledigen. Die Segelei klappt schon ganz gut und auch die Hafen- und Ankermanöver werden immer routinierter. So, daß wars fürs erste. Die nächste Post gibts dann hoffentlich aus Griechenland. Bis dahin viele Grüße, Andrea 1. RundschreibenIt´s all part of the adventure" (Dwight Lindholm) Portoroz, Slovenien Die Sancara ist gerade vom Transporter abgeladen und ins Wasser gesetzt worden. Jetzt liegen wir am Krankai und muessen in zwei Stunden weg sein, weil da das nächste Boot ins Wasser gelassen wird. Ich nehme den Motor in Betrieb. Er ist zwar in Olching schon gelaufen, aber damals war der Kuehlwasserkreislauf und das Treibstoffsystem noch nicht angeschlossen. Der Tank ist noch nicht gefüllt und so füttere ich den Motor mit einem Schlauch aus einem 10-Liter-Kanister. Die Maschine startet auf Anhieb. Es kommt aber kein Kuehlwasser aus dem Auspuff. Schnell den Motor wieder ausmachen, um keinen Schaden zu riskieren. Ich ueberlege: Die Pumpe kann es nicht sein - wir haben beim Probelauf in Olching 180 Liter Wasser verbraucht! Ich schalte den Motor wieder an. Wieder kein Kühlwasser! Motor aus. Liegt vielleicht der Anschluss am Wasserkasten ueber der Wasserlinie? Ist das Schiff noch zu leicht ohne Treibstoff und Trinkwasser in den Tanks? Das kann doch nicht sein, daß dem Rehberger so ein gravierender Fehler unterläuft - also kontrolliere ich nochmal sämtliche Anschlüsse und Leitungen. Das sieht alles so aus, wie es sein soll. Wieder starte ich den Motor - immer noch kein Kuehlwasser. Verdammter Mist! Vielleicht ist die Pumpe ja doch kaputt. Ich fülle Wasser in den Siebbehälter und starte den Motor. Im Nu ist das Wasser aus dem Filter weggesaugt - ohne daß neues nachkommt. Wer hat eigentlich die blödsinnige Idee gehabt, ein Boot selber zu bauen?. Klassischer Fall von Entmutigung wie Pirsig sie beschreibt in Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten". Pflichtlektüre für jeden, der ein Boot baut! Ich sitze fest. Pirsig empfiehlt in Fällen von Festsitzen, alles liegenzulassen und sich ein paar Wochen überhaupt nicht mit dem Problem zu beschäftigen. Die Zeit haben wir nicht. Wir müssen in einer Stunde hier weg zur Tankstelle und dann auf den Liegeplatz. Also gut. Nochmal alles durchgehen. Die Schläuche sehen korrekt angeschlossen aus und die Pumpe funtioniert auch. Also kriegt das System kein Wasser! Ich nehme den Schlauch vom obersten Anschluß des Wasserkastens ganz vorsichtig ab - da schießt jetzt gleich eine Menge Wasser rein. Aber es kommt kein Wasser. Verflucht! Ich habe doch die Schlitze im Rumpf gesehen, durch die das Wasser in den Wasserkasten gelangt. Ich nehme einen Schraubenzieher und stoße ihn in das freigelegte Anschlußrohr. Er läßt sich nur auf die Länge des Rohrs hineinstecken und keinen Millimeter weiter. Ich nehme den Schlauch vom zweiten Anschluß - es kommt kein Wasser. Der Schraubenzieher läßt sich nur bis zur Wand des Wasserkastens hineinstecken. Ich nehme den Kühlwasserschlauch vom dritten Anschlußrohr. Auch keine Bohrung. Die Werft hat nur die Anschlußrohre aufgeschweißt, aber noch keine Bohrung in den Wasserkasten gemacht. Alle drei Anschlüsse sind blind! Mein Gott! Das bedeutet: entweder das Schiff nochmal rauskranen lassen und bohren oder im Wasser und unterhalb der Wasserlinie ein Loch in den Rumpf bohren! Ich entschließe mich für zweiteres. Mit einem bangen Gefühl mache ich mich auf die Suche nach einem 14er Bohrer (wer hat schon einen 14er Bohrer im Bordwerkzeug?) Am Ende ist das Bohren kein Problem. Es läuft ein bißchen Wasser herein, aber ich setze schnell den Kühlwasserschlauch auf und ziehe die Schellen fest, dann ist alles dicht. Ich lasse den Motor an. Diesmal plätschert das Wasser aus dem Auspuffrohr - so soll es sein! Jubel! Dann können wir ja jetzt zur Tankstelle und zum Liegeplatz fahren - dachte ich. Plötzlich geht der Motor aus - der 10-Liter-Kanister ist leer. Nach 5 Minuten? Das kann doch nicht sein! Ein Verbrauch von 10 Litern auf 5 Minuten? Ich verstehe nichts mehr. Beim Probelauf hatten wir 5 Liter Diesel im Kanister und der war nach 15 Minuten noch so gut wie voll! Dieses Mal brauche ich keine zwei Stunden, um dahinterzukommen, was los ist: In Olching hatte ich die Treibstoffrückleitung von der Pumpe in den Kanister zurückgeführt. Jetzt hatte ich nur die Zuleitung abgezogen und in den Kanister gesteckt - die Rückleitung war jetzt am großen Tank angeschlossen. Die Treibstoffpumpe des Motors hatte den Kanister in Nullkommanix in den großen Tank gepumpt! Ich habe die Nase voll! Die Schläuche werden angeschlossen und dann lassen wir uns zur Tankstelle schleppen! Orte und Menschen Molfetta, Süditalien I Ein großer Hafen, auf der einen Seite die Altstadt, gegenüber ein Schwimmsteg für Sportboote - wir sind die einzige ausländische Yacht - und dazwischen eine Werft, auf der große Fischerboote in Holz gebaut werden. Mehere Schiffe bis zu 30 Metern Länge stehe dort am Strand und werden repariert oder umgebaut. Ich erinnere mich an die indonesischen Bootsbauer in Tana Beru in Süd Sulawesi, wo wir über Kilometer hinweg am Strand zwischen den Schiffen, die dort am Strand gebaut werden, gewandert sind. Auf dem Weg in die Altstadt spazieren wir über die Werft. Der Duft von exotischen Hölzern und Leinöl läßt mich an unseren eigenen Bootsbau denken. In einem Kellergewölbe entdecken wir eine komplett ausgestattete Metallwerkstatt mit Dreh- und Fräsmaschinen. Die Firma Deckel-Maho sei denen bestimmt ein Begriff, meint Klaus. Daniel ist in seinem Element. Er hat sein Fahrrad zwischen den aufgedockten Schiffen geparkt und sammelt Sägemehl in eine Kiste und sucht Mahagonistückchen zusammen, aus denen er sich etwas basteln will. Er ist kaum zum Weiterfahren zu bewegen. Molfetta II Beim Anlegen helfen uns zwei Männer, die uns am Steg erwarten. Wir bekommen eine Mooring gereicht und machen fest. Der eine fragt, ob er an Bord kommen kann. Wozu, frage ich mich aber ich bitte ihn, raufzukommen. Er geht nach hinten und kontrolliert die Leine. multo bene!" sage ich, aber er schaut skeptisch. Kurz darauf bekommen wir eine zweite Leine für die andere Seite und ein Treppchen für den Steg - ich bin überwältigt von so viel Fürsorge und Freundlichkeit. Ich erkundige mich nach der Rezeption wegen der Bezahlung, erfahre aber, daß der Liegeplatz nichts kostet. Als wir am nächsten Morgen ablegen wollen, ist der eine der beiden wieder da. Er sagt etwas zu mir und ich verstehe, daß es um ein Trinkgeld geht. Ich gebe ihm 10.000 Lire (Dm 10). Er schaut mich nicht an, als ich ihm das Geld gebe - ist es zu wenig oder habe ich ihn beschämt, indem ich ihm zu viel gab? San Foca di Melendugno, Süditalien Wir sind die einzige Yacht im Hafen. Auf der Pier werde ich von einem älteren Ehepaar angesprochen.Trotz rudimentärer Italienischkenntnisse kann ich kaum etwas verstehen oder mich verständlich machen. Trotzdem ist ihre große Herzlichkeit und ihr Interesse zu spüren. Das einzige, was ich verstehe ist, daß ihre Tochter irgendwo Englisch unterrichtet. Als sie mir nach kurzer Unterhaltung zum Abschied beide die Hände reichen, habe ich das Gefühl, daß wir uns intensiv ausgetauscht haben. Beim Anleger ist irgendwie die Boje der benachbarten Mooringleine unter unserem Boot verschwunden. Klaus und ich versuchen, sie darunter hervorzuziehen; es gelingt aber nicht. Wir gehen zu den anderen zum Strand - wird schon keiner kommen. Eine halbe Stunde später läuft ein größeres Fischerboot in den Hafen ein und geht längsseits der Sancara. Bis ich dort bin, hat sich eine größere Menschenmenge auf der Pier versammelt und das Gezeter der Fischer ist schon von weit zu hören. Sie ärgern sich, daß sie nicht an ihre Mooringleine kommen. Ich stehe etwas ratlos dabei - sollen wir wieder ablegen, um die Boje frei zu machen? In diesem Durcheinander spricht mich jemand in gebrochenem Deutsch an und erklärt mir die Aufregung der Fischer: Ihre Mooringleine ist unter unserem Boot. Als ob ich das nicht wüßte... Dennoch habe ich das Gefühl, daß alle Sympathie des älteren Herrn auf unserer Seite ist; als die Fischer ihre Leine endlich mit dem Bootshaken geangelt und festgemacht haben, erzählt er von 8 Jahren Arbeit in Deutschland und stellt mich seiner Frau vor. Wieder werde ich per Händedruck verabschiedet und gehe mit dem Gefühl, hier nicht fremd und unerwünscht zu sein, an den Strand zurück. Morgens um vier wachen wir von Motorengeräusch und lauten Flüchen (Puta! Puta! Puta!) auf. Der Fischer hat sich beim Auslaufen in unserer Mooringleine verfangen. Auch das noch! Mit vereintenn Kräften kommen sie frei. Am späten Vormittag machen sie wieder neben uns fest. Ich halte dem einen von ihnen, der die Netze in Ordnung bringt, eine Zigarettenschachtel hin. Jetzt entscheidet sich´s, denke ich. Er nimmt eine heraus und läßt sich das Feuerzeug geben. Wir rauchen gemeinsam, ich frage ihn auf Englisch nach seinem Fang. Wieder gehen Worte hin und her, von denen keiner weiß, wieviel der andere versteht. Später verschwindet er in seinem Schiff und kommt mit einer Mocca-Maschine und Kaffeepulver wieder. Er hält mir beides hin und fragt mich etwas - ob ich ihm einen Espresso mache, verstehe ich. Na klar! Ich werfe den Kocher anund reiche ihm kurze Zeit später den heißen Kaffe hinüber - nein, nein, gibt er mir zu verstehen, der war für uns! Am Ende teilen sich beide Crews die kleine Portion. Syrakus I In Syrakus frage ich den Hafenkapitän nach einem Yachtausrüster. Freundlich erklärt er mir, wo das Geschäft ist. Ob das allerdings am Montagvormittag offen ist, wisse er nicht. Wie? Montag vormittag nicht offen? Was ist denn das für eine Geschäftsmoral? fange ich an, mich zu echauffieren, aber dann denke ich: Recht hat er! Syrakus II Es ist unglaublich heiß und der Strom am Steg funktioniert nicht. Der Stegnachbar sagt an der Rezeption Bescheid. Wir warten und benutzen den Wasserschlauch für eine Stegdusche. Ein paar Spritzer kommen an die Stromanschlüsse. Der Marinanagestellte kommt, sieht mich duschen und fängt an zu lamentieren: Tutto bagnato! Alles naß! Deshalb geht der Strom nicht!" Er zetert noch eine Weile, ich verziehe mich aufs Schiff. Nach 5 Minuten ist der Strom wieder da. Am nächsten Morgen liegt eine Tüte mit 3 Frühstückshörnchen auf dem Bug unseres Schiffes. Sami, Kefallonia Eine 20 Meter Motoryacht geht mit Buganker längs neben uns. Sie haben den Anker so weit seitlich geworfen, daß das große Schiff beim Dichtholen der Achterleinen gegen unser Boot gezogen wird. Die griechische Crew hängt einen Fender zwischen ihr Schiff und unsere Seereling. Ich versuche, ihnen zu erklären, daß die Reling nicht stark genug ist, um ihr 40-Tonnen-Schiff von unserem abzuhalten. Sie hängen noch 3 Fender zwischen ihe Schiff und unsere Seereling. Ich schlage vor, daß sie eine Achterspring ausbringen, die sie von uns freihält. Ask the captain," sagt mir einer der Besatzung. Der griechische Kapitän würdigt mich kaum eines Blickes I´m gonna pay for it if something is breaking." Wir verholen unser Schiff an eine sichere Stelle. Poros, Kefallonia Wir steuern die Außenmole an, um dort anzulegen. Eine griechische Motoryacht kreuzt unseren Kurs -We have problems!" - und geht vor uns in der Mitte der Mole längsseits. Wir legen mit Abstand dahinter an. Später kommt eine englische Yacht und geht zwischen uns. Ich springe auf die Mole und nehme die Leinen entgegen. Der Engländer kommt mit forschem Tempo auf die Mole zu, hat aber alles im Griff. Der griechische Bootsführer springt in seinem Cockpit entsetzt auf: not that fast! Slow down!" rührt aber keinen Finger, um beim Anleger oder beim Abhalten zu helfen. Später kommt der Grieche zu mir und meint, ich solle unser Schiff nach hinten verholen,um mehr Platz zu schaffen. Ich sage ihm nicht, was ich denke. Passagen Kroatien nach Italien oder: Unseren einzigen Versuch zu segeln machen wir, um den Flieger, das große Leichtwindsegel auszuprobieren. Weil der Wind aber gar nicht blasen will, geben wir das schnell wieder auf. I am motoring" singt Klaus. Vieste nach Otranto oder: im Mittelmeer braucht man eigentlich eine Motoryacht. Die drei Tage von Vieste nach Otranto bleiben mir wegen der Häfen dazwischen in Erinnerung (s. oben) - und weil Katja in Molfetta zugestiegen ist. Die Passagen legen wir alle unter Motor zurück. Wir machen einen Versuch, mit dem Flieger zu segeln, da wir damit aber nicht genügend Höhe machen können, geben wir nach einer Stunde wieder auf. Beim Bergen bleibt das Segel in der Saling hängen und reißt ein. Italien nach Griechenland oder: So schön kann Segeln sein Ich habe die Nase voll! Nach 6 Tagen ununterbrochenem motoring" sehe ich einem weiteren Tag mit Maschinengedröhn mit Grausen entgegen. Katja und Klaus wollen fahren - sie wollen ihre Reise gern mit griechischem Joghurt und Honig abschließen. Trotzdem bin ich drauf und dran, den Schlag nach Griechenland zu verschieben. Dann jedoch gibt es einen günstigen Wetterbericht: Morgen soll es Wind von hinten, Stärke 4-5 geben. Da seid ihr ja in einem halben Tag drüben" meint der Tankwart in Otranto. Morgens um 4 klingelt der Wecker und wir fahren in Richtung der aufgehenden Sonne. Schon kurz hinter der Hafeneinfahrt wird uns klar, daß Wind auch Seegang erzeugt: es ist richtige Arbeit, das Schiff in den hohen Wellen (1,5 - 2Meter) zu steuern. An Schlafen ist für die Freiwache nicht zu denken. Die wird in den Kojen hin und hergeworfen. Daniel schläft als einziger sein Pensum bis um halb zehn. Als wir uns an den Seegang gewöhnt haben, fangen wir an, das Segeln zu genießen. Nur mit dem Vorsegel machen wir gute Fahrt und das Aussteuern der Wellen, das von der See Hoch und Runtergehobenwerden macht uns allen Spaß. Wir beobachten die heranrollenden Wellen, spüren, wie sie das Heck des Bootes hochheben, dann unter uns durch und nach vorne weiterziehen. Katja steuert begeistert: Genau das habe ich mir für die Überfahrt gewünscht - jetzt möchte ich nur noch Delphine sehen!" Ich erinnere mich nicht mehr, ob wir auf dieser Passage Delphine gesehen haben. Nach zehn Stunden Rauschefahrt haben wir unseren Landfall in Othoni, der nordwestlich von Korfu gelegenen Insel, auf der Odysseus 7 Jahre lang von der Nymphe Calypso angeblich gegen seinen Willen festgehalten wurde. (Andere behaupten, daß Calypso auf Gozo bei Malta gelebt haben soll. Da kommen wir ja auch noch hin und so werden wir die Calypso-Insel auf jeden Fall gesehen haben.) Griechenland nach Sizilien oder: Das also ist Blauwassersegeln! Diese Passage ist anders als die vorhergehenden: Wir sind nur zu dritt und wir sind mehrere Tage unterwegs. Zwischen Kroatien und Griechenland waren Katja und Klaus dabei und unser längster Schlag dauerte 12 Stunden. Jetzt haben wir zu zweit eine Strecke von 260 Seemeilen zu bewältigen. Wir rechnen aus, daß wir 5 Knoten Fahrt im Schnitt machen und die Strecke in 2 Tagen schaffen werden. Kurz vor der Abfahrt in Argostoli stelle ich fest, daß wir im Schnitt nur 4 Knoten machen. Das GPS ist auf terrestrische Meilen und nicht auf nautische Meilen eingestellt. Ich komme darauf, weil das Gerät die Entfernung bis Syrakus mit 295 angibt, sie nach der Seekarte aber nur 250 beträgt. Statt der erwarteten 48 Stunden werden wir 60 brauchen! Zwei Wochen vorher fangen wir an, uns vorzubereiten. Wir überlegen, ob wir die Passage in Tagesetappen aufteilen sollen, um die Crew zu schonen. Das würde aber einen erheblichen Umweg bedeuten und so verwerfen wir diese Lösung bald wieder. Wir lassen uns in Ithaka von Beate und Ulf, die mit ihrer 33er Hallberg-Rassy auch seit 8 Wochen unterwegs sind, von deren 32-Stunden-Passage erzählen. Wir versuchen, uns Situationen, die auf uns zu kommen können, vorzustellen und überlegen uns Strategien, sie zu bewältigen. Wir lesen in den Büchern von Wilfried Erdmann und Bobby Schenk die Kapitel über Nachtfahrten und längere Passagen. Immer wieder haben wir auch Angst. Irgendwann fange ich an, das Schiff für die Passage vorzubereiten: Ich verlege die Sicherheitsleinen, die an beiden Seiten vom Bug zum Heck verlaufen, fixiere den Radarreflektor im Rigg und besorge Teile, von denen ich meine, wir brauchen sie noch. An diesen Aktivitäten merke ich, daß die Entscheidung jetzt gefallen ist und am Tag, nach dem Uta und Laura in Argostoli von Bord gegangen sind, fahren wir morgens um 6 los. Bis zuletzt war nicht klar, ob wir nach Kalabrien, Siztilien oder direkt nach Malta fahren, aber unsere Stegnachbarn in Argostoli, ein älteres, sehr freundliches französisches Ehepaar wollen am selben Tag nach Syrakus fahren. Damit ist auch für uns das Ziel klar: Sizilien. Wir teilen unsere Tage und Nächte in 3-Stunden-Wachen ein, wobei wir darauf achten, daß die Freiwache auch wirklich frei hat. 3 Stunden sind zur Erholung das Minimum; die 2-Stunden-Wachen, die Beate und Ulf machten, sind für uns zu kurz. Drei Stunden sind auch für den Rudergänger noch gut zu bewältigen - auch in der Nacht. Manöver (Segel setzen oder bergen) fahren wir nachts beim Wachwechsel, tagsüber auch mal während der Wache. Daniel beschäftigt sich mit Basteln, Malen, Casettenhören und Sich-Vorlesen-Lassen - er hat sich nicht einmal über Langeweile beklagt. Erst im Nachhinein und auf unser Nachfragen hin meint er, ihm habe es nicht so gut gefallen - ein bißchen langweilig sei´s gewesen. Allerdings haben ihn seine Spiele so gefesselt, daß er kaum nach oben kam, als Delphine um unser Boot herum spielen und uns für kurze Zeit begleiten. Etwas mehr als ein Drittel der Strecke segeln wir. Den Rest der Strecke ist der Wind so schwach, daß wir motoren müssen. Wir sind begeistert vom Windpilot: Einmal eingestellt steuert die Anlage präziser als ein Mensch. Erst wenn der Wind dreht - was nicht vorkam - oder die Stärke sich ändert - was schon vorkam - muß nachgestellt werden. Der Windpilot gibt uns mehr Zeit für andere Dinge. Unter Motor binden wir die Pinne fest und steuern das Boot auf den Kurs zurück, wenn Wind oder Wellen es abdriften lassen. Das funktioniert auch ganz gut und so muß nicht immer jemand an der Pinne sitzen. Jetzt kommt auch der Flieger, das große Leichtwindsegel, zum Einsatz: Mehere Stunden zieht er uns schneller als der Motor vorwärts. Als Gefahr empfinde ich die großen Schiffe. Sie müssen zwar einem Segler ausweichen, doch wer weiß, ob der Wachhabende das Segelschiff auch sieht? Deshalb gehen wir sorgfältig auf Ausguck, um die Großen rechtzeitig zu sehen und einen Kollisionskurs von vornherein zu vermeiden. Wir kreuzen zwei Schiffahrtsstraßen, haben aber die meiste Zeit Ruhe und sehen in der ersten Nacht und am folgenden Tag kein einziges Schiff. Ein unheimliches Erlebnis habe ich in der zweiten Nacht gegen 23:00. Vor mir tauchen am Horizont die Lichter eines großen Schiffes auf. Ihre Peilung verändert sich nicht und ich komme immer näher. Als wir immer dichter kommen, erkenne ich ein riesiges Schiff, das sich nicht von der Stelle bewegt. Für ein Schiff der Küstenwache ist es zu groß und Militärs sind das auch nicht. Das Deck ist teilweise erleuchtet aber ich kann keinen Menschen erkennen. Bilder aus James Bond Filmen gehen mir durch den Kopf und ich stelle mir vor, es öffnet sich der Bug des Riesen und unsre Yacht wir verschlungen. Ich gehe auf Parallelkurs, um ihn vorne zu passieren - vielleicht schleppt er irgendetwas. Er beschleunigt und ich komme nicht vorbei. Ob er mich überhaupt gesehen hat? Ich gehe auf meinen alten Kurs, um hinter ihm vorbei zu fahren. Das läßt er zu, aber er beginnt, einen Bogen zu fahrren. Wenn er so weiterfährt, kommt er direkt auf uns zu - will er uns doch verschlingen? Aber nein, er dreht um 90° und fährt von uns weg. Mein Herz klopft noch eine ganze Weile. Später berausche ich mich an meiner Umgebung. Der Himmel ist wolkenlos und der helle Vollmond zieht eine Lichtstraße über das Meer. Schaue ich auf die andere Seite des Bootes, ist es dunkel, unheimlich, nur vereinzelt entstehen Lichteffekte auf den Wellen. Mit dem tragbaren CD-Spieler höre ich Frank Zappas Yo Mama" - 10 Minuten Gitarrensolo mit Lautstärke am oberen Anschlag; das ist nicht zu überbieten! Daniel Wenn ein Kind älter als drei Jahre Jahre ist, dann ist es ihm gegenüber ein Verbrechen, es an Bord zu haben. Das Schiff ist für den kleinen Menschen ein Gefängnis." Erick Monod, der mit Frau und Kleinkind mehrere Jahre an Bord lebte, zitiert bei Bobby Schenk, Blauwassersegeln. Solche Überlegungen haben mich in der Zeit vor unserer Abfahrt und in den ersten Wochen immer wieder beschäftigt. Vor allem am Anfang war meine Bereitschaft groß, in jedem Quengeln, jeder Unzufriedenheit, in jedem Ärger von Daniel die veränderte, kinderfeindliche" Situation als Ursache zu sehen. Immer wieder hatte ich ein schlechtes Gewissen ihm gegenüber - bis sein Freund Janis uns mit seinen Eltern besuchte. Der benahm sich in vielen Situationen ganz genau so wie Daniel, und wächst schließlich in einer normalen Umgebung auf. Manche Verhaltensweisen von Kindern sind wohl altersabhängig und völlig normal - unabhängig von der äußeren Situation. Dazu kam, daß ich den Daniel in den letzten Wochen als ausgesprochen ausgeglichen und fröhlich erlebe. Er beschäftigt sich stundenlang alleine mit Malen, Basteln, Kneten, Kassettenhören, Computerspielen. Irgendwann reicht es ihm dann und er möchte dann entweder etwas vorgelesen haben oder er zieht mit seinem Kescher los, um am Kai Fische oder Krabben zu fangen. Der Sachensucher Je länger wir unterwegs sind, desto mehr beschäftigt er sich mit Dingen, die er findet. Bei jedem Landgang sammelt er Schätze, aus denen er nach der Rückkehr aufs Boot selbständig neue Sachen bastelt. Dabei sind Schnecken, die er am Wasser findet, genauso wertvoll wie rostige Nägel oder weggeworfene Eislöffel aus Plastik, die er an einer Straßenecke in Syrakus mitnimmt. Der Freund aller Tiere In Ithaka fängt Daniel mit dem Kescher einen ausgewachsenen Oktopus. Wir hatten zwei Wochen zuvor in Kroatien beobachtet, wie ein älterer Junge mit einem großen Haken an einem Stock zwei Oktopusse fing und tötete. Im Aquarium von Lakka auf Paxos haben wir gesehen, wie ein Oktopus ein Marmeladenglas aufschraubte, um an die Krabben zu kommen, die darin waren. Daniel sollte entscheiden, ob wir seinen Oktopus töten und essen werden oder, ob er ihn wieder ins Wasser zurück lasssen will. Er überlegt keine Sekunde und läßt das Tier wieder frei. Daniel, der Freund aller Tiere. Er hat sogar für Wespen und Mücken Sympathien... Da mach ich nicht mit!" Es ist sehr schwer, ihn zu Dingen zu bewegen, die er nicht möchte. Wenn ihm etwas nicht paßt, kommt der Standardspruch seines neuen Helden Karlsson vom Dach: Da mach ich nicht mit!". Anfangs haben wir versucht, darauf zu achten, daß er bestimmte Mengen ißt, daß die Mahlzeiten gemeinsam eingenommen werden und er sich an der Backschaft beteiligt. Das hat heftige Kämpfe verursacht, bei denen keiner glücklich wurde. Wir sind gelassener geworden. Er wird schon nicht verhungern, wenn er eine Mahlzeit ausläßt oder nicht die gesunden Früchte ißt. Und - wer hätte das gedacht - inzwischen verlangt er nach Pfirsichen, die er monatelang verschmäht hatte. Unglaublich, wieviel Machtkämpfe über das Essen ausgetragen werden. Sehr schwer ist es, den eigenen Anteil am Kampf zu sehen. Wer gesteht sich schon gern ein, daß er sein Kind zwingen will, bestimmte Dinge zu tun? Wer eingeschliffene Verhaltensweisen zwischen sich und seinen Kindern ändern möchte, der gehe mit ihnen für längere Zeit zum Segeln. Durch das dauernde Zusammensein auf engem Raum, wird das eigene Verhalten und das des Kindes schnell deutlich und zum Problem. Entweder man macht weiter so und gibt das Projekt wegen Überforderung auf oder man hält inne und probiert andere, bessere Verhaltensweisen aus. Dwight Lindholm, der mit seiner 7-köpfigen Familie 18 Monate im Pazifik beim Segeln war, führt die Tatsache, daß keines seiner Kinder bisher geschieden wurde, auf diese Reise zurück. Das Schulkind Daniel fängt das Lesen an. Er übt mit Andrea und hat dieser Tage erstmals ein unbekanntes Wort in seinem Petzi Buch gelesen: Prima!" las er und freute sich wie ein Schneekönig darüber. Er kennt die meisten Buchstaben des Alphabets und kann sie schreiben. Er zählt bis 200 (und noch weiter) und addiert und subtrahiert im Bereich von 1-10 (Gell Papa, wenn ich von zehn drei wegnehme, bleiben noch sieben". Auf meine Frage, wer ihm das gesagt habe, bekomme ich zur Antwort: Das habe ich mir selber in meinem Kopf ausgedacht"). Im September geht die Schule los. Neue und alte Freunde Daniel ist fremden Kindern gegenüber aufgeschlossen aber am Anfang skeptisch und zurückhaltend. Mit Chantal aus Frankfurt fängt er abends im Hafen Krebse, als wir sie aber am nächsten Tag auf der nächsten Insel wieder treffen, müssen Andrea und ich Chantal und Daniel erst einmal zum Eisessen mitnehmen, damit sie zueinander finden. Schon auf dem Weg zur Eisdiele sind wir Erwachsenen eigentlich überflüssig. Den Rest des Tages sind die zwei nicht mehr vom Kai wegzukriegen, wo sie Fische und Krebse fangen. Auch in Novigrad dauert es einen halben Tag, bis Daniel und Alexander aus Wien zusammen spielen. Dafür sind sie die folgenden drei Tage unzertrennlich. Den Besuch aus Deutschland genießt er. Mit Luisa und Lukas, Janis und Laura läßt sich an vertraute Spiele anknüpfen und neue finden. Seine größte Sehnsucht aber ist: Wie lange dauert es noch, bis die Jessi kommt?" Zwei Wochen vorher beginnen wir die Tage zu zählen - bisher haben wir die Wochen gezählt. Bei Heimweh ist der Gedanke an Jessica ein wirksames Mittel. 2. RundschreibenMalta How do you work after 3 months off?" Als ich letztes Jahr im Oktober auf Malta war, um für Rohde & Schwarz ein Monitoring-System in Betrieb zu nehmen, kam angesichts der vielen Yachten, die in Valletta im Hafen lagen auch die Sprache auf unsere Pläne. Ich erzählte den Geschäftspartnern hier, daß ich zusammen mit meiner Frau an einem Boot baue. Ich habe damals versprochen, auf unserer Reise nach Malta zu kommen. Per Elektropost hatte ich seither Kontakt zu den Maltesern gehalten. Als ich mich nach unserer Ankunft in Valletta erneut melde, werde ich bereits sehnsüchtig erwartet. Beim ersten Telefonat erzählt mir Joe Camilleri noch nichts davon (I didn´t want to spoil your holidays"), aber beim zweiten erfahre ich, daß das damals installierte System seit 2 Wochen nicht mehr läuft. Ich verspreche ihm, mich mit Kevin in Verbindung zu setzen. Für uns steht am Nachmittag sowieso ein Ausflug nach Valletta auf dem Programm und so fahre ich mit der Familie in die Stadt und schaue bei den Wireless-Leuten vorbei. Deren Überraschung ist groß, als ich ohne Voranmeldung auftauche. Noch größer scheint die Freude zu sein - so schnell hatten sie keine Reaktion aus München erwartet. Neben den technischen gibt es andere Neuigkeiten: Kevin hat im Mai geheiratet und ist mit seiner Frau in die eigene Wohnung gezogen. Weil es kurz vor dem Wochenende ist (Freitag Mittag), beschließen wir, noch am selben Nachmittag nach Mtarfa zu fahren, wo das System installiert ist. Eine ganze Delegation begleitet mich: Martin, der Direktor der Behörde holt mich am Boot ab und mit Kevin kommt Brian, der Systembetreuer, zur alten Schule nach Mtarfa. Brian hat auch das Valletta-System dorthin gebracht, um die Kommunikation ohne die Verbindung über die Mietleitung zu testen. Die Vermutung der Malteser, daß einer Router nicht mehr arbeitet, bestätigt sich, als ich mir die Geräte anschaue: Eines hat die Konfiguration verloren. How do you work after 3 months off?" fragt Martin, als ich mich, von den dreien umringt, an den Routern zu schaffen mache. Wait and see!" antworte ich in dem sicheren Gefühl, das Problem und dessen Lösung schon gefunden zu haben. Wir sind alle vier ziemlich begeistert, als das System nach einiger Zeit wieder funktioniert (Es dauert etwas länger, weil Brian jeden Arbeitsschritt, den ich mache, genau mitprotokolliert; er ist dabei so eifrig, daß er auch meine Fehler akribisch aufzeichnet). Martin nimmt mich auf der Rückfahrt noch auf einen Drink mit zu sich nach Hause. Er ist fürs Wochenende mit seiner Familie und Freunden auf Gozo verabredet und entschuldigt sich dafür, daß er deshalb nicht mehr Zeit für mich hat. Ich freue mich dennoch darüber, daß er mir seine Frau und seine Kinder vorstellt und darüber, daß ich helfen konnte. Urlaub? Enjoy your holiday!" meint Joe Camilleri, als ich mich nach der Reparaturaktion in Mtarfa für zwei Wochen von Valletta verabschiede. Auch Martin (der Direktor) hatte seiner Frau erzählt, welch ein Glück sie hätten, daß ich zufällig im Urlaub hier sei. Ich widerspreche: Ich bin nicht im Urlaub. Ich habe eine andere Lebensweise. Bruce aus Florida (der mit Frau und Tochter seit 4 Jahren unterwegs ist) hat vom Lifestyle gesprochen. Dieses Wort, dem dümmliche Trendmagazine à la ELLE oder Cosmopolitain eine auf Konsum reduzierte Bedeutung gegeben haben, trifft die Sache besser als die Rede vom Urlaub. Das Konzept Urlaub" ist fester Bestandteil der auf lebenslanger Arbeitsknechtschaft basierenden Gesellschaft. Der Urlaub ist als Zugeständnis des Arbeitgebers das Mittel, mit dem die volle Arbeitskraft des Arbeitnehmers wiederhergestellt werden soll (warum kann wohl beim Einstellungsgespräch über die Anzahl der Urlaubstage verhandelt werden?). In diesem Sinne sind die Urlaubswochen gerade für den ersteren die wertvollsten Wochen des Jahres". Dieses Konzept impliziert aber auch, daß der Mensch durch seine Arbeit so geknechtet wird, daß er die Regenerierung im Jahresurlaub dringend benötigt, um diesen Zustand ein ganzes Arbeitsleben lang durchzuhalten. Deshalb spreche ich lieber von Lebensweise - auch wenn ich mir darüber im Klaren bin, daß auch wir wieder irgendwann in diese Zusammenhänge zurückkommen werden. Ich habe aber die Hoffnung, daß es uns ähnlich wie in den zwei Jahren vor unserer Abfahrt gelingen wird, diesen Zwängen ein Stück weit zu entgehen und uns die Art und die Menge der Arbeit selber einteilen zu können. Noch etwas kommt dazu: Urlaub wird immer mit Nichtstun und Ausspannen, mit Sich-Erholen verbunden. Langzeitsegeln, so wie ich es bisher kennengelernt habe, hat damit wenig zu tun. Wir verbringen unglaublich viel Zeit damit, Proviant und Dinge für das Boot zu besorgen, das Schiff zu warten und in Stand zu halten (vgl. den Abschnitt vom Hausmeister). Jede Fahrt erfordert viel Vorbereitung und Nachbereitung (Klar Schiff machen, damit bei Lage alles an seinem Ort bleibt, Dinghi ab- und wieder zusammenbauen, Leinen aufschiessen, Segel zusammenlegen und verstauen,...). Und dann ist da noch Daniel, der seine Rechte einfordert, der etwas lernen soll und der versorgt werden will. Ich habe in den letzten vier Monaten drei Bücher gelesen. Leben auf engstem Raum Das Leben auf einer Segelyacht wirkt wie ein Katalysator für Konflikte. Man muß das wissen, wenn man sich auf eine Yacht begibt. (Ich empfehle als Vorbereitung für einen längeren Törn den Film Das Experiment" mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle, der Anfang des Jahres in die Kinos kam...) Es werden dabei nicht Konflikte produziert, die es im normalen" Leben nicht gibt, sondern es ist vielmehr so, daß Konflikte sehr schnell auftauchen und sichtbar werden. In einer normalen Situation tauchen sie erst viel später auf - manche (Ehe-)Paare stellen nach Jahren des Zusammenlebens fest, daß sie mit ihren Konflikten nicht leben können und trennen sich. In der Yacht-Situation" lassen sich Konflikte nicht durch Arbeit, Fernsehen, Freizeitbeschäftigung,... kaschieren wie im normalen Leben. Auf einem Segelboot lernt sich die Crew sehr schnell kennen. (Man sollte Eheverhinderungsseminare auf Segelyachten anbieten; die Heiratswilligen würden sich in kürzester Zeit kennen lernen und könnten eine Menge Zeit sparen. Vielleicht ließe sich so die Scheidungsrate senken...) Das birgt auch eine Chance. Man kann dabei sehr gut lernen, mit Konflikten umzugehen und damit zu leben. Eigentlich ist es so, daß man das lernen muß; tut man es nicht, wird eine Langzeitfahrt sehr bald zu Ende sein. Insbesondere Dauerkonflikte zwischen Partnern oder zwischen Eltern und Kindern werden sehr schnell zum Problem. Findet man keine Alternativen zum gewohnten Verhalten, wird das Leben auf einem Schiff schnell belastend. Die Laborsituation wird verschärft durch gewisse Strukturen, deren Aufrechterhaltung notwendig ist, um das Schiff zu manövrieren. Ein Schiffsführer ist darauf angewiesen, daß seine Crew entweder so erfahren ist, daß sie von selbst weiß, was zu tun ist und es auch tut oder daß seine unerfahrene Crew das tut, wozu sie der Schiffsführer anweist. Geschieht das nicht, kann es zu brenzligen Episoden kommen. Ich denke, er hat recht, wenn Bobby Schenk meint, die erfolgreichsten Langzeitcrews sind Ehepaare, die sich schon lange kennen. Die unvermeidlichen Konflikte sind bei diesen Crews keine bösen Überraschungen mehr, die zum Scheitern des Unternehmens führen. Eine besondere Situation für uns sind die vielen Gäste, die wir haben. Da ist einerseits die Chance, die Menschen, die uns für ein oder zwei Wochen besuchen, innerhalb kurzer Zeit recht gut kennen zu lernen - und nicht nur die angenehmen Seiten (siehe oben). Dazu kommt, daß wir während unserer Abwesenheit von Deutschland den Kontakt zu den Freunden, die bei uns sind, aufrecht erhalten können. Das ist für uns alle drei sehr schön; besonders Daniel freut sich immer wieder auf die Kinder, die zu uns kommen. Zum anderen kostet es viel Energie, sich auf Menschen neu einzustellen und mit ihnen auf engstem Raum für einige Zeit zusammenzuleben. Ich schätze allerdings, das geht den Gästen, die hier sind, genauso. Optimal fand ich die Lösung, die Martin mit seiner Familie gewählt hat: Er hatte zusammen mit einer befreundeten Familie eine Yacht auf Malta gechartert und so waren wir eine Woche lang als Miniflotille unterwegs. Abends konnten wir vor Anker längsseits festmachen oder die Zutaten für das gemeinsame Abendessen über den Steg hin- und hertragen. Gerade die Kinder (zu der Zeit waren auch Jessica und Manuel bei uns) hatten viel Spaß daran, das andere Boot schwimmend zu kapern" oder mit dem Dinghi von einem Schiff zum anderen zu paddeln. Der Hausmeister Running Gag während der Zeit als Gudrun und Martin mit den Kindern in Marsalforn auf Gozo waren, war der vom Hausmeister. Gehst Du wieder deiner Hausmeistertätigkeit nach?" war die Standardfrage, wenn wieder eine Abfahrt oder ein Ankermanöver vorbereitet wurde. Besonders viel Spott muß ich über mich ergehen lassen, als ich an drei Nachmittagen mit Taucherbrille, Flossen und einem Plastikschaber bewaffnet ins Wasser springe, um unser Unterwasserschiff von dem ansehnlichen Biotop zu befreien, das sich inzwischen dort angesiedelt hat. (Was bietet man seinen Gästen nicht alles, um sie zu unterhalten!) In der Tat hat man als Segler viel mit einem Hausmeister gemeinsam. Kommt man irgendwo an, muß das Sonnensegel angeschlagen, das Solarpanel angeschlossen, Leinen aufgeräumt werden, das Dinghi wird von der Reling gebändselt und aufgebaut, der Außenbordmotor drangehängt; die Badeleiter wird rausgehängt und das Windsegel, das für eine Brise im Schiffsinneren sorgt, muß installiert werden,... und vorm Wegfahren das ganze in umgekehrter Reihenfolge. Auf einer Messe habe ich einen getroffen, der seine Langfahrt abgebrochen hat, weil er das Gefühl hatte, nur noch zu Hausmeistern. Er hatte ein für alle Mal die Nase voll vom Langzeitsegeln. Ich kann das gut verstehen. Ich denke, das einzige Gegenmittel ist, daß man faul wird. Schiffsbewegungen, die ja mit dem ganzen Aufwand verbunden sind, werden irgendwann auf das nötigste beschränkt. Die Aufgeregtheit der Chartercrews, unbedingt noch diese schöne Ankerbucht gesehen haben zu müssen (und auch die nächste, denn die könnte ja noch schöner sein) und jede Brise Wind zum Auslaufen nutzen zu müssen, empfinde ich inzwischen als amusant. The Race Martins auf Malta gechartertes Schiff weckt den Sportsgeist bei uns. We will race!" meint Boru am Abend bevor sie ihr Boot übernehmen. Tatsächlich ist die Oceanis 390 etwa gleich lang wie die SANCARA und so bin ich gespannt, ob unsere Reinke dem Vergleich mit einem Serienschiff standhält. Meinen Hinweis, sie seien ja wegen ihrer riesigen Genua im Vorteil, quittiert Boru spöttisch mit der Bemerkung, ich suchte ja jetzt schon Entschuldigungen für unsere Niederlage. Und in der Tat: unsere Niederlage am nächsten Tag ist vollständig. Die Oceanis ist deutlich schneller. Mit gereffter Genua zieht sie bei 3-4 Windstärken locker an uns vorbei. Auf allen Kursen das gleiche: keine Chance mit der Standardbesegelung Groß und Fock. Lediglich als wir den Flieger setzen, ist der Unterschied nicht mehr ganz so krass. Trotzdem ist unser Schiff langsamer - zumindest bei wenig Wind. Leider haben wir keine Gelegenheit, bei viel Wind gegeneinander zu fahren. Die ganze Woche über weht es nicht stärker als mit 3-4 Beaufort. Spätere Erfahrungen mit unserem Schiff lassen mich vermuten, daß die Reinke ein Schiff für Starkwind ist. Durch den Knickspant setzt sie bei Welle weich ein und läßt sich bei viel Wind mit gerefftem Groß so leicht steuern wie eine Jolle. Das mußte jetzt schon noch zu unserer Entschuldigung gesagt werden... I han mei Läba lang dofier gschafft! (Ich habe mein Leben lang dafür gearbeitet) - kleine Typologie der Yachtbesitzer Teil 1 Zuerst dachte ich, es wären nur die deutschen und die österreichischen Ruheständler und Neureichen, die sich in den Marinas stundenlang damit beschäftigen, ihre Yachten mit Frischwasser zu spülen - oft unter Zuhilfenahme von chemischen Reinigern. Doch als wir weiter nach Süden und aus Kroatien heraus kamen, wurde deutlich, daß auch die italienischen, griechischen und maltesischen Yachteigner und ihre Frauen keinerlei Hemmungen haben, eine Ressource, von der Zukunftsforscher glauben, daß wegen ihrer Knappheit einmal Kriege darum geführt werden, ohne Nachzudenken, in solchem Maße verschwenden. Da werden Putzaktionen stundenlang unterbrochen und statt das Wasser dann abzudrehen, wird der Schlauch einfach ins Hafenwasser gehängt. In Sizilien und in Malta kommen die Eigner am Wochenende für einige Stunden auf ihr Boot, um es zu waschen und gehen dann wieder nach Hause - oder in die Kirche. Kennen denn diese Leute das Problem des Trinkwassers im Mittelmeerraum nicht? Lesen die keine Zeitungen? Kann es sein, daß die Malteser selbst nicht wissen, daß hier das Trinkwasser extrem energieaufwendig durch Umkehrosmose aus Meerwasser gewonnen wird? Ich kann mir nicht vorstellen, daß diese Leute nicht wissen, daß sie eine wertvolle Ressource verschwenden. Solches Verhalten kann ich mir bei den Ruheständlern (das sind die mit den Hallberg-Rassy und Najad-Segelyachten) nur durch die Ich habe mein Leben lang gearbeitet"- Mentalität erklären. Weil man den größten Teil seines Lebens in Arbeitsknechtschaft gelebt, sich für die Firma, den Job, die Allgemeinheit, die Familie,... aufgeopfert hat, glaubt man, im wohlverdienten Ruhestand" sich endlich entschädigen zu können für das entgangene Leben. Sollen doch die jetzigen Jungen nun einmal etwas für uns tun (uns das Waschwasser zur Verfügung stellen, z.B.), wo wir unser ganzes Leben für unsere Kinder gearbeitet haben. Bei den Neureichen (das sind die mit den großen Motoryachten) scheint das Motiv ein verwandtes zu sein: Man ist ein so erfolgreiches und damit wichtiges und höhergestelltes Mitglied der Gesellschaft, daß man keinerlei Beschränkungen und Verpflichtungen unterworfen ist. Beschränkungen gibt es nur für die anderen, weniger wichtigen, weil weniger erfolgreichen in der Gesellschaft. Diese Haltung wird durch die Größe der Yacht und die Verschwendung der Ressourcen (Wasser, Putzmittel, Treibstoff - potenziell, da die Yacht sowieso so gut wie nie bewegt wird, höchstens einmal zum Frühstück holen, das dann mit dem Stegnachbarn zusammen eingenommen wird,...) demonstriert. Schulanfang Mit Gudrun, Martin und den Kindern feiern wir am letzten Abend beim Abschiedsessen in Gozo Daniels Schulanfang. Gudrun, frisch examinierte Grundschullehrerin, hält als Vertreterin der richtigen" Schule die Ansprache und Daniel bekommt die Schultüte, die die Oma Edith besorgt und die anderen Gummerts nach Malta mitgebracht haben, überreicht. Daniel hört ganz aufmerksam zu. Er scheint zu wissen, daß hiermit etwas ganz neues, wichtiges für ihn beginnt und er realisiert das mit großem Ernst. Am nächsten Morgen hat er seine erste Schulstunde. Andrea zeigt ihm seine Bücher und Hefte, mit denen er das Schreiben und Lesen lernen wird. Mit erstaunlichem Eifer und großer Konzentration wird eine halbe Stunde lang der Buchstabe M" behandelt und eine M-Geschichte" vorgelesen. Sogar Hausaufgaben bekommt er! Nachmittags installieren wir die Addy-Software auf dem neuen PC und Daniel beschäftigt sich eine Stunde lang mit den Mathe-Aufgaben für die erste Klasse. Werden die Kämpfe ums Lernen noch kommen? Liege ich richtig mit meiner Einschätzung, daß Kinder sich im Grunde durch ihre Neugier und durch eigenes Nachdenken und Ausprobieren die Dinge selbst beibringen? Daß wir Eltern (oder Lehrer) immer nur anregen können? Es hat jedenfalls eine eigene Würde, ein Schulkind zu sein. Habt Ihr das immer noch am Hals?" (Martin Nicklaus) In Malta erreicht uns die Nachricht, daß nur ein Teil von der Kaution für unsere Wohnung in Olching zurückgezahlt wurde. Unter anderem macht der Vermieter für Flecken auf dem 7 Jahre alten Teppichboden einen Wertverlust von etlichen Hundert Mark geltend. Unsere Empörung ist groß, haben doch Mieter Anspruch darauf, daß der Besitzer einer Wohnung alle 7 Jahre einen neuen Teppichboden verlegen läßt. Ich kann nicht fassen, daß er das nicht weiß. Er muß es wissen und versucht trotzdem, uns abzuzocken. Das übersteigt mein Fassungsvermögen. Ausserdem: Was heißt denn hier Wertverlust? Zahlen etwa die neuen Mieter weniger Miete wegen der Flecken auf dem Boden? Schon bei der Übergabe hatte es Ärger gegeben: Wir sollten eine Handwerkerrechnung bezahlen, die wegen eines Problems mit der Heizung angefallen war. Die Begründung des Vermieters: Zu der Zeit, als die Heizung ausgeschaltet war, lagen Holzteile von uns zum Lackieren im Heizungskeller. Mit bestechender Logik wird gefolgert, daß wir den Schalter versehentlich betätigt hätten. Ah ja! Und das wird uns ein halbes Jahr später beim Auszug präsentiert. Mit gewissen Leuten ist ein Gespräch unmöglich, da sie der Meinung sind, sie seien sowieso a priori im Recht. Deshalb beschliessen wir, die Angelegenheit einem Anwalt zu übergeben. Es ist nicht das erste Mal, daß ich wegen einer zurückbehaltenen Kaution vor Gericht gehen muß - und Recht bekomme. Ärgerlich ist, daß wir das von der Ferne aus organisieren muessen. Gudrun und Martin kriegen das mit - es ist unser letzter Abend zusammen. Sie haben ähnliche Erfahrungen bei ihrem Auszug in Heidenheim gemacht. Pläne Unser nächstes Ziel ist Tunesien. Jürgen kommt Anfang nächster Woche nach Malta, um die Passage mitzumachen. Bis Tunesien sind es etwa 200 sm; die Insel Pantelleria liegt auf dem Weg. Je nach Windrichtung bietet sich ein Stop dort an. Bis Ende Oktober wollen wir in Gibraltar sein -bevor die Winterstürme im Mittelmeer losgehen. Dazu müssen wir 400 sm entlang der algerischen Küste segeln - ein Landfall in Algerien ist nicht eingeplant. Erst in Marokko wollen wir wieder an Land gehen und vielleicht auch einige Reisen ins Landesinnere machen. Das Atlasgebirge möchte ich eigentlich schon sehen. Es wird wohl schwieriger, uns in Afrika übers Telefon zu erreichen. Auch bezüglich Internetzugang habe ich so meine Zweifel. Aber wir werden sehen. Wer Interesse an Afrika hat - oder an der Passage von Tunesien nach Marokko - bitte melden! 3. RundschreibenDer Einhandsegler Gerhard aus Berlin, mitte dreißig, kommt mit dem Dinghi von seiner 10-Meter-Yacht zu uns herüber gerudert, nachdem wir in der Bucht unseren Anker geworfen haben. Mit seinen schulterlangen blonden Haaren und braungebrannt sieht er aus, wie ich mir einen Einhandsegler vorstelle. Eher aus Mitleid als aus Interesse (Der hat bestimmt schon lange mit niemandem geredet") lade ich ihn zum Bier, und weil es schon später ist, auch gleich zum Abendessen ein. Schon beim Überklettern unserer Seereling läßt er uns wissen, daß Segeln die ultimative Freiheit ist. Jürgen, der heute bei viel Wind und Seegang seine erste Fahrt auf einem Segelboot gemacht hat (5 Stunden gegenan) und seekrank mehr tot als lebendig hier ankam, ist skeptisch. Während Andrea und Jürgen das Essen vorbereiten, sitze ich mit Gerhard im Cockpit. Ich erfahre, daß er im Einhandsegeln seinen Sinn gefunden hat und daß er für das bürgerliche Leben nicht geeignet sei Familie habe er probiert aber es habe nicht funktioniert er sei schon immer Vagabund gewesen und seine Philosophie sei bis 80 Jahre alleine zu segeln und dann von der großen Welle erwischt zu werden und er wolle die langsamste Weltumsegelung der Welt machen er komme mit 350 Mark im Monat aus und könne uns wertvolle Tips geben wo wir kostenlos dies und jenes bekämen er werde ein Buch schreiben wo drin steht wo alles am billigsten oder kostenlos ist und wer will denn schon jemals wieder arbeiten und und und... Ich mache ein paar Versuche, etwas zu entgegnen und die eine oder andere Episode von unserer Reise einzuwerfen, aber meine Einwürfe laufen an ihm herab wie zerplatzte rohe Eier, die an eine Fensterscheibe geworfen wurden. Jeder Dialog endet bei der Sinnfrage, die er für sich beantwortet hat. Ich werde immer einsilbiger. Ich kenne diesen Menschen seit einer halben Stunde und bekomme schon Dinge ungefragt mitgeteilt, die ich langjährigen Freunden nicht erzählen würde. Wer hat den eigentlich an Bord gebeten? Als Jürgen beim Abendessen erwähnt (neiiiin!), daß er Pfarrer ist, erfährt er, daß Gerhard im Einhandsegeln seinen Sinn gefunden hat und daß er für das bürgerliche Leben nicht geeignet sei Familie habe er probiert aber es habe nicht funktioniert er sei schon immer Vagabund gewesen und seine Philosophie sei bis 80 Jahre alleine zu segeln und dann von der großen Welle erwischt zu werden und er wolle keine Rekorde aufstellen nur die langsamste Weltumsegelung der Welt machen er komme mit 350 Mark im Monat aus und könne uns wertvolle Tips geben wo wir kostenlos dies und jenes bekämen er werde ein Buch schreiben wo drin steht wo alles am billigsten oder kostenlos ist und wer will denn schon jemals wieder arbeiten und und und... Daniel, der neben ihm sitzt, hält ihm den Mund zu. Komm, laß mal" meint Gerhard und zieht Daniels Hand weg, hör zu, was ich interessantes erzähle: Als ich in Spanien einmal..." Glaubt der denn, nur er habe spannende Dinge erlebt? Als Gerhard sich nach dem Abendessen zu seiner Yacht aufmacht, sagt erst mal keiner mehr etwas. Als wir wieder denken und uns unterhalten können, sind wir uns einig: Der ist ja in seiner Kommunikation völlig gestört. Der hat niemanden, der ihn spiegelt und ihm sagt: Jetzt mach mal ne Pause!" meint Jürgen, der durch langjährige Arbeit in der Psychiatrie trainierte Pfarrer (honni soit qui mal y pense). Spannend ist die Erörterung, ob unser Gast durch 4 Jahre Einhandsegeln so geworden ist, oder ob er wegen seines kommunikativen Verhaltens im bürgerlichen" Leben gescheitert und deshalb Einhandsegler geworden ist. Ich tendiere zu letzterem, erschrecke dann aber, als ich mir weiter überlege, ob meine Helden zur See, Joshua Slocum, Bernard Moitessier oder Wilfried Erdmann, alle langjährige Einhandsegler, etwa auch so gewesen sind. Waren die alle so oder waren das vollständige, reife Persönlichkeiten und wir hatten es hier mit einem Epigonen zu tun? Am Ende hatten die alle eine Macke. Ernüchterung Nach einer fürchterlichen Überfahrt von Lampedusa nach Monastir in Tunesein (Nachts, Gewitter um uns herum, kurze, steile Wellen von der Seite und deshalb für die Freiwache an Schlaf nicht zu denken, weil das Schiff gemein hin und her schaukelt. Nur Daniel schläft wieder bis morgens um 10 - wie macht der das?) kommt am nächsten Tag eine regelrechte Depression. Ich denke an nichts anderes als wie wir dieses Schiff loswerden und nach Deutschland zurückfliegen können. Ich will nicht mehr und bin wirklich kurz davor, hinzuschmeißen. Am nächsten Morgen analysieren wir unsere Situation. Unser Dilemma ist - da sind wir uns einig - daß wir einerseits bis Ende Oktober in Gibraltar sein wollen, aber andererseits beide die 6 Wochen fast ununterbrochenen Unterwegsseins - und noch dazu bei unsicherem Herbstwetter - scheuen. Vor allem ich habe das Bedürfnis, für längere Zeit an einem Ort zu bleiben, ein Land und seine Menschen intensiver kennenzulernen als wir bisher Gelegenheit dazu hatten. Im Grunde waren wir Touristen, die für maximal 1-2 Wochen an einem Ort waren und dann wieder weiterzogen. Das hat bisher niemanden von uns gestört, weil die meiste Zeit Gäste aus Deutschland da waren. Jetzt aber sind die nächsten Ferien in weiter Ferne und die nächsten Gäste auch. Vielleicht hilft ein Ausflug in den Süden von Tunesien, in die Oasen der Sahara, dabei, uns über die nächste Zeit klar zu werden (Sind nicht andere Leute auch in die Wüste gegangen, um wichtige Entscheidungen zu treffen?). So fahren wir für einige Tage nach Tozeur, um von dort aus die Oasen zu besuchen. Vom Widersacher versucht werden wir zwar nicht und ein Damaskuserlebnis haben wir auch nicht, aber die neuen Eindrücke schaffen wieder Platz für andere Gedanken als die an die Heimkehr. Wir beginnen, Tunesien als Land für eine Überwinterung zu prüfen. Es ist zwar eigentlich noch zu früh, ans Überwintern zu denken, weil man hier auch im Oktober oder sogar im November noch segeln kann, aber erste Erkundigungen zeigen, daß es so gut wie keine Winterplätze in den Marinas hier mehr gibt. Also sind wir gut beraten, uns doch jetzt schon um Möglichkeiten zu kümmern. Europa scheidet für die Überwinterung aus. Nach Sizilien wollen wir nicht zurück. Spanien ist zu weit - da könnten wir gleich nach Gibraltar fahren. Algerien ist aus politischen Gründen keine Option. Dort gibt es auch keinerlei Infrastruktur für Yachten. Erste Kontakte zu Menschen, die hier in Tunesien leben (Daniel versteht sich besonders gut mit Amira, einer 9 jährigen, die eine deutsche Mutter und einen tunesischen Vater hat), die Aussicht für mich, hier in der Marina in Monastir etwas arbeiten zu können (mehr zur Beschäftigung als zum Geldverdienen - was für ein Luxus!) und die Tatsache, daß es in Sousse (15km von hier) eine Internationale Schule gibt, die Daniel für einige Monate besuchen könnte, machen das Land für einen längeren Aufenthalt interessant. Andrea freut sich darauf, Französisch lernen zu können. Dazu kommt, daß hier im Gegensatz zu den Touristenzentren im Landesinneren, der Tourismus recht professionell ist. Viel seltener wird man hier als Europäer von den Händlern und Führern bedrängt, sich die Waren anzuschauen und doch etwas zu kaufen. Andrea meint, sie fühle sich in Monastir nicht bedroht oder belästigt, auch wenn sie alleine unterwegs ist. Morgen fahren wir nach Sidi Bou Said, in der Nähe von Tunis, um die Marina und die Möglichkeiten dort zu erforschen. Wo der viele Sand ist Wir fahren in die Wüste. Die Sahara erstreckt sich bis in den Süden von Tunesien. Daniel freut sich Tage vorher darauf und malt Bilder von der Wüste, zeichnet Karten, die unseren Weg vom Schiff mit der Eisenbahn bis in die Wüste zeigen. Die Anreise von Monastir nach Tozeur ist lang. Wir sind 7 Stunden mit dem Zug unterwegs und kommen mitten in der Nacht in der Oasenstadt Gafsa an, wo wir übernachten müssen, weil es in Metlaoui, wohin der Zug eigentlich fährt, keine Hotels gibt. Unser Bus, der uns bis ans Ziel bringen soll, fährt am nächsten Tag erst mittags. Wir sind vorher in der vollen, lauten, lebendigen Stadt unterwegs, um Geld zu wechseln und uns nach dem richtigen Bus zu erkundigen. Daniel ist das zuviel und er fragt, wann wir denn wieder nach Hause (das ist für ihn inzwischen die Sancara) fahren. Aber wir wollten doch in die Wüste!" antworte ich ihm. Das ist aber nicht die Wüste hier." meint er. Auf meine Frage, wie denn die Wüste sei, meint er: Na das ist da wo der viele Sand ist". Da fahren wir dann zwei Tage später mit einem Mietwagen hin. Wir haben Glück: Auf unserem Weg zu den Oasen Chebika und Tamerza kreuzt eine Kamelherde unsere Straße: Mehr als 300 Dromedare schaukeln gemächlich durch den Sand. Wir steigen aus und nähern uns den Tieren bis auf wenige Meter. Besonders spannend ist es, die verlassenen, halb verfallenen Oasenorte zu erkunden. Sehr anschaulich wird dabei die alte arabische Architektur: Um einen quadratischen oder rechteckigen Innenhof herum werden die Wohn- und Speicherräume gebaut. Jedes Haus wird von einer Großfamilie bewohnt, wobei jede Familie ihr eigenes Schlafhaus hat. Das Leben findet im Innenhof statt, wo auch gekocht wird. In den Dörfern im Landesinneren und in den Vororten der Städte wird auch heute noch so gebaut. So ein Haus bauen wir auch, wenn wir wieder in Deutschland sind, und da wohnen dann Miki, Kata und Nikolaus und Lorenz mit uns" plant Daniel. Was wohl deren Eltern dazu sagen werden? Vaters Lust Am Bilderbuchsandstrand von Lampedusa lernt Daniel das Schwimmen ohne Hilfe. Er war schon immer eine Wasserratte und noch in Griechenland sind wir zu zweit mit Schnorchel und Taucherbrille und ohne Schwimmgurt die Unterwasserwelt erkunden gewesen. Wie eine Ente mit ihrem Jungen" sähe das aus, hatte Claudia gemeint. Aber Schwimmen ohne Hilfe und mit Beinbewegungen wie der Frosch (und nicht doggy style) traut er sich endgültig erst in Lampedusa. Wir schwimmen zusammen weit hinaus, wobei er sich alle paar Meter auf meinen Rücken setzt, um sich auszuruhen. Das machen wir zwei Tage lang so. Die letzten 15 Meter zurück zum Strand, wo er stehen kann, schwimme ich am dritten Tag voraus und jetzt muß er es alleine schaffen. Eine Gruppe Italiener, die dort stehen und zuschauen, empfangen ihn mit BRAVO!-Rufen und erst jetzt merkt er selber, was er geschafft hat. Er grinst von einem Ohr zum anderen. In Monastir am Strand macht er sein Seepferdchen". Ich messe die 25 Meter ab und stelle mich ans Ziel. Einige Male schwimmt er mit dem Kopf halb unter Wasser, aber er schafft es! Das muss ich sofort der Mama erzählen!" freut er sich. Ungeheuer spannend ist es, mitzukriegen, wie Daniel Lesen und Rechnen lernt. Zunächst müssen beim Lesen die Buchstaben identifiziert und deren Laut ausgesprochen werden, und dann werden die einzelnen Laute zu einem vollständigen Wort zusammengezogen. Es ist jedesmal ein von Strahlen begleitetes Erfolgserlebnis, wenn auf diese Weise ein Wort entsteht und erkannt wird. Aufgaben verstehen und Rechnen fällt ihm nicht schwer - die Zahlen schreiben schon eher. Manche Ziffern werden immer wieder spiegelverkehrt geschrieben und eine ganze Reihe von Zahlen so zu schreiben, daß alle ungefähr gleich aussehen, ist auch nicht gerade seine Stärke. Aber das ist ja vielleicht auch nicht ganz so wichtig - es muß eben geübt werden. Wir haben den Unterricht aufgeteilt. Andrea macht - ganz traditionell - die Deutschlehrerin und ich Mathe. Ja! ICH unterrichte MATHE! Aber seid unbesorgt: Rechnen im 20er Raum kriege sogar ich noch hin. (Und vielleicht hört ja damit auch mein schlimmster, immer wiederkehrender Alptraum auf: Ich muß in Mathe Abiturprüfung machen...) Ich sage Daniel, daß ich es spannend und toll finde, daß er jetzt so viel lernt: Rechnen, Lesen und Schreiben. Was ihm denn davon am besten gefalle? Schwimmen!" sagt er ohne zu überlegen. Daniel spielt, daß seine Kuscheltiere in die Schule gehen. Aber ich weiß gar nicht, was Schule ist!" sagt das kleine Kamel. Das ist was ganz schönes!" antwortet das Bärli. Hoffentlich bleibt das so!" denkt der Vater, der das Spiel mithört. Schule ist blöd!" verkündet Daniel heute morgen nach dem Aufstehen. Vaters Last Daniel ist 24 Stunden um uns. Er ist der erste, der morgens aufwacht und oft der letzte, der abends einschläft. Bei Landausflügen reicht seine Kondition erstaunlich lang - aber natürlich bei weitem nicht so lang wie unsere (Er freut sich auf Reisen ins Landesinnere auch deshalb, weil es in den Hotels Fernseher gibt). Unsere Planungen richten sich hauptsächlich danach, was wir ihm zumuten können. Er hat sich bisher nicht ernsthaft darüber beklagt, daß ihm etwas zuviel geworden ist - was wohl für unsere Planung spricht. Andererseits ist für uns beide der Gedanke an die Wintermonate, in denen wir an einen Ort gebunden sind, und die nur durch kürzere Ausflüge unterbrochen werden, wo es kälter und regnerisch wird, und uns möglicherweise auch der ein oder andere Sturm um die Ohren pfeifen wird, weniger attraktiv. Wir werden uns noch öfter als bisher im Bauch der Sancara aufhalten und uns mit ihm beschäftigen müssen. Ob wir über den Winter nach Deutschland fahren und Daniel in die Schule schicken sollen? zurück 4. RundschreibenKann man sich mit 9 Jahren schon verlieben?" Mit Amira, bildhübscher, dunkeläugiger Tochter einer deutschen Mutter und eines tunesischen Vaters (warum sind eigentlich die Mischlinge immer die hübschesten Kinder?) verbringt Daniel seine Nachmittage. Wenn beide mit ihren Hausaufgaben fertig sind, kommt sie zu uns aufs Schiff oder Andrea bringt ihn in die Medina (Das ist die von einer Mauer umgebene Altstadt) von Monastir, wo sie in der Nähe der Stadtmauer wohnt. Dort ist über den Dächern der Altstadt auf der Terrasse ein Swimmingpool, in dem sich die Kinder bei dem schönen Wetter, das wir immer noch haben, austoben. Auf der Terasse, die ein Stockwerk darunter liegt, gibt es einen Zoo: unter einer Voliere mit etwa 15 Wellensittichen hausen die Kaninchen mit ihren Jungen und an der Längsseite der Terrasse wird ein Stall für die Hühner gebaut, die die Mutter von Amiras Vater aus ihrem Heimatdorf mitgebracht hat. Am liebsten aber spielt Daniel mit dem Goldhamster. Kommt Amira zu uns, gehen wir an den Strand und schwimmen im Meer oder sie und Daniel ziehen mit Kescher und Eimer los und fangen im Hafen Krabben. Die letzten Wochen verging kein Tag, an dem sie nicht zusammen gespielt haben. Amira schreibt an Daniel einen Brief. In arabischer Schrift, die von ihrer Mutter übersetzt ist, schreibt sie ihm, wie sehr sie ihn mag und daß sie so gerne mit ihm spielt. Er sei anders als die Jungs, die sie kennt, weil er Krieg nicht mag und nicht schlägert (da hat sie ihn noch nicht ganz kennengelernt...). Mama, kann man sich mit 9 Jahren schon verlieben?" fragt sie ihre Mutter, der ist so süß". Stifte scheinen ein Zeichen von Wohlstand zu sein. Klassenkameraden von Amira waren erstaunt von der Menge an Stiften, die sie besitzt. An einem Nachmittag geht sie mit Daniel zum Einkaufen. Mit einem Set bunter Kugelschreiber und einem Schulheft, alles für ihn gekauft, kommen sie wieder nach Hause. Daniel möchte vom Taschengeld eine Forscherausrüstung kaufen, die er im Kaufhaus gesehen hat. Es fehlen ihm noch 2 Dinar (etwa DM 3,50). Amira schenkt ihm das fehlende Geld und Daniel ist überglücklich: Jetzt kann ich die Forscherausrüstung kaufen!" Sie ist ganz hingerissen darüber wie er sich freut. Wir revanchieren uns, indem wir Amira zum Essengehen einladen, was für uns ein Erlebnis ist: In den Restaurants, in die wir gehen, ist die kleine Dame gut bekannt. Die kennen mich hier," sagt sie stolz zu mir. Kein Wunder: Ihr Vater hat einen Laden in der Medina und kennt als Geschäftsmann Allah und die Welt. Einblicke Samstag abend sind wir zum Grillen eingeladen. Während wir auf der Dachterrasse über der Altstadt von Monastir darauf warten, daß die Fische auf dem Grill gar werden, erklärt uns Jemel, der perfekt deutsch spricht, die Geheimnisse der Wasserpfeife. Tabak mit getrockneten Beigaben vermischt (Äpfel, andere Früchte, Honig oder wer weiß was für Kräuter) wird durch ein daraufgelegtes Stück Holzkohle zum Glimmen gebracht. Der Raucher inhaliert durch Mundstück und Schlauch direkt, indem er einatmet. Es wird nicht wie beim Zigarettenrauchen zuerst der Mund mit Rauch gefüllt und dann inhaliert. Man ist hier der Meinung, daß dadurch, daß der Rauch durch das Wasser geleitet wird, das Rauchen weniger giftig ist. Wenn es denn wahr ist, wird das aber durch die Dauer (eine solche Ladung hält gut und gerne eine halbe Stunde) und durch die hohe Zahl der Züge locker wettgemacht: Jemel atmet über 5 Minuten nur durch die Wasserpfeife ein. Daß der nicht umkippt... Wir essen die mit Koriander und Kummin gewürzten Fische (auch hier in Tunesien ißt man traditionell mit den Fingern) und bekommen Einblick in eine gar nicht so untypische Konstellation: deutsche Frau mit Vergangenheit (z.B. zwei erwachsene Kinder) macht Urlaub in Tunesien und lernt hier einen Einheimischen kennen. Beide finden sich nett; tunesischer Mann kommt für ein Jahr mit nach Deutschland, beide probieren eine gemeinsame Zukunft; es wird geheiratet und ein Kind kommt. Untypisch für Amiras Eltern ist, daß Laila, ihre Mutter alle 10 Tage für eine Woche nach Deutschland fliegt, weil sie noch immer dort arbeitet - als Krankenschwester macht sie Nachtdienste und verdient dabei recht gut. Jemel ist (mit knapp 40) das Familienoberhaupt und beschäftigt fast die ganze Verwandtschaft in seinem Basar. Neben einem Bruder arbeiten noch mehrere junge Männer, die alle irgendwie verwandt mit ihm sind, im Laden. Er stammt aus einem Dorf aus dem Landesinneren, ist in Monastir zur Schule gegangen und ist hier geblieben, weil er Arbeitsbeziehungen, die während der Ausbildung geknüpft wurden, ausbauen und sich hier eine Existenz aufbauen konnte. Als wir uns nach dem Essen zu Wasserpfeife und Zigaretten zurücklehnen, taucht der Maurer auf, der auf der oberen Terrasse in seiner Freizeit ein zusätzliches Zimmer gebaut hat, um mit Jemel ein neues Projekt zu besprechen. Wir reden über Stundenlöhne, Beschäftigungsverhältnisse und Sozialversicherung - was, so etwas gibt es hier auch...?" Der Einhandsegler oder: Jakob Wir haben ihn doch noch getroffen: Den Einhandsegler, der mich mit dieser Spezies versöhnt. Jakob, junggebliebener über 70-jähriger Schweizer, wegen eines Unfalles nicht mehr ganz so beweglich, aber noch so gut beieinander, daß er allein mit seiner knapp 12 Meter langen Yacht unterwegs ist, steuert seine Reinke Euro - die wenig kleinere Schwester unserer S11 - zu uns an den Steg: er wird über den Winter unser Gegenüber sein. Wir sind zum Sundowner auf sein Schiff eingeladen. Ich hatte nachmittags schon die Gelegenheit gehabt, die Tintenfisch" in teilweise zerlegtem Zustand unter die Lupe zu nehmen, als ich mit meinem Werkzeug beim Ölwechsel aushelfen konnte. Das erste Mal, daß ich eine andere selbst ausgebaute Reinke-Yacht von innen studieren kann. Der Erbauer und Jakobs Vorbesitzer hatte den Ausbau unter der Prämisse es muß fertig werden" in der Hälfte der von uns benötigten Zeit gemacht. Das mit Eiche furnierte Sperrholz ist innen nicht lackiert und Jakob erzählt, daß er in seinem ersten Winter überall scharfe Kanten gebrochen hat, an denen er sich immer wieder die Hände aufgeschnitten hatte. Mich beschleicht der Gedanke, ob wir uns mit unserer Methode, das Holz auch an den Innenseiten sorgfältig zu konservieren, nicht zuviel Arbeit gemacht haben. Die Tintenfisch" ist aber dennoch ein wohnliches Schiff. Der Clou ist ein etwa doppelt so großes Bad wie wir es haben mit gekacheltem Fußboden, Dusche und Warmwasserboiler - eine Konzession des ersten Eigners an seine Frau, die nur durch das Angebot von etwas Komfort auf das Schiff zu bewegen war. Jakob ist - auch über seinen Beruf - viel in der Welt herumgekommen (er war Schneider): er hat in Holland gearbeitet, in China, kennt Indonesien, die Philippinen und die Karibik und hat 20 Jahre in - Geiselbullach bei Olching gewohnt. Das Hallo ist groß, als wir herausfinden, daß wir fast Nachbarn gewesen sind. Reisen bildet - oder ist das die Weisheit des Alters? Uns gegenüber sitzt ein Mann, der mit sich und seiner Art zu leben zufrieden zu sein scheint - ohne immer wieder zu erwähnen, wie toll das ist, wie ich das von anderen aus der Spezies der Einhandsegler kenne. Er erzählt gerne seine Erlebnisse und ist daneben ein interessierter Zuhörer und bereit, von anderen (auch von jüngeren!) zu lernen und sich helfen zu lassen. Du hast doch dein Boot selber gebaut; kannst du dir einmal anschauen, wie ich meine Ölablaßschraube aufkriege?" hatte er mich nachmittags auf Schwyzerdütsch angesprochen. (Ein extra kurzer Schraubenschlüssel aus meiner Werkzeugkiste löst das Problem der unzugänglichen Schraube) Daniel hat Jakob ins Herz geschlossen. Als er zum Abendessen zu uns aufs Schiff kommt, hat Daniel für unseren Gast den Ehrenplatz gedeckt: Aus buntem Papier sind Blumen ausgeschnitten und um seinen Teller herum verteilt. Am nächsten Tag - ich repariere auf dem Steg das Fahrrad, das uns Amiras Eltern geliehen haben - klettert Daniel von unserem Schiff über den Steg auf das Boot unseres neuen Nachbarn: Ich gehe mal den Jakob besuchen." Als er nach einiger Zeit wiederkommt, frage ich ihn, was er denn gemacht hat. Ich habe ihm nur gesagt, daß er nett ist, und er wieder zu uns zum Essen kommen soll!" bekomme ich zur Antwort. Der Skuhl Schau, Papa: So stelle ich mir den Skuhl vor!" Daniel zeigt mir das Bild, das er gemalt hat: Ein Monster wie ein Dinosaurier; mit scharfen Krallen, Zacken auf dem Rücken und Zähnen, an denen das Blut heruntertropft, macht es sich über sein Opfer her. Ich schaue ihn an: Wer ist denn das, der Skuhl?" Das ist ein gefährliches Monster, das Kinder frißt! Das kommt in der Geschichte von Pu, dem Bären vor." Und ich hatte immer gedacht, die Geschichten von Pu Bär seien kindertauglich. Der besorgte Vaterblick ins jugendgefährdende Buch bringt die Erkenntnis: Das schreckliche Monster, das Christopher Robin und die anderen Kinder jeden Morgen verschlingt und mittags wieder ausspuckt, hat die Gestalt eines Gebäudes und richtig geschrieben wird es - School! Kleine Typologie der Yachtbesitzer Fortsetzung Läuft eine kleinere - nicht länger als 10m - hochbetagte, gerade noch seetüchtige Yacht, meistens aus Stahl, unter deutscher, Schweizer oder französischer Flagge in den Hafen ein, ist damit fast immer eine Familie unterwegs. Dabei gilt - Ausnahmen bestätigen die Regel - je kleiner das Boot, desto größer die Familie. So kam vor einigen Tagen die Pulpito" mit den beiden Eltern und drei halbwüchsigen Kindern zur Überwinterung hierher. Ich gestehe, daß ich dem 10m-Schiff aus Ferrozement nicht zugetraut hätte, auch nur von Malta bis hierher gesegelt zu sein, so verbeult und baufällig sieht es aus. Blamabel für mich zu erfahren, daß manche der kleinen Schiffe mit den großen Familien schon jahrelang unterwegs sind... Georg und Sabine aus Frankfurt reisen mit der inzwischen 8-jährigen Tanja und Hund Micky seit vier Jahren mit ihrer 8 Meter kurzen Yacht kreuz und quer durchs Mittelmeer. Das Schifflein aus Stahl ist innen durch geschickten Ausbau des Vorbesitzers geräumiger als manches größere Boot. Um mehr Stauraum zu schaffen, haben die drei ihre Toilette ausgebaut und an deren Stelle einen Schrank eingepaßt. Für das, wozu man normalerweise das Klo benutzt, dient jetzt ein Eimer (Was nicht die schlechteste Lösung zu sein scheint, wenn ich daran denke, wie oft ich schon die Pumpe unseres Klos zerlegt habe, weil wieder irgendein winziges Teil darin seinen Geist aufgegeben hat). Gestern haben die drei Besuch bekommen. Die nächsten zwei Wochen wohnen sie zu viert auf der Hummel. Wow! Auffällig viele Franzosen nehmen ihre älteren Kinder auf mehrjährige Reisen mit, die sie unterwegs unterrichten. Die ersten Tage in Monastir war die 13-jährige Emilie mit ihren Eltern unsere Nachbarin. Morgens um sieben steht sie auf, um bis mittags den Schulstoff zu bearbeiten, den sie von einer Fernschule geschickt bekommt. Danach kümmert sie sich um die ganz kleinen Kinder der Schweizer Freunde oder ist mit den gleichaltrigen Jungen von der Pulpito" zusammen. Inzwischen gibt es eine ganze Gruppe von deutschen, französischen und Schweizer Kindern, zu denen auch Daniel immer wieder zum Spielen und Baden geht - wenn er nicht gerade mit Amira zusammen ist. November oder: Ein Ziel weniger Ein denkwürdiges Geburtstagsgeschenk. Die dpa meldet es und die FAZ (ausgerechnet die) bringt es in einem kurzen Bericht auf der Titelseite: Das Tuvalu Archipel in der Südsee versinkt im Meer. Weil der Meeresspiegel steigt, müssen die 11.000 Einwohner der neun Inseln ihre Heimat verlassen. Nun ist also so weit, was seit Jahren angekündigt, aber von den Entscheidungsträgern immer vehement bestritten wurde (und es durch Nichtstun immer noch bestreiten): Das amerikanische Earth Policy Institute", von dem die Mitteilung stammt, macht für den Klimawandel explizit die erhöhte CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre verantwortlich. Die Folgen der Erwärmung der Erdatmosphäre beginnen für jeden wahrnehmbar zu werden. Wirklich? Bewirkt eine solche Meldung ein Aufmerken oder Innehalten oder sogar ein verändertes Handeln? Wie naiv ich mir vorkomme in meiner Hoffnung, Staaten, geschweige denn einzelne Menschen, würden aus solchen Mitteilungen irgendwelche wirksamen Konsequenzen für ihr Handeln ableiten. Dabei scheint der CO2-Zug abgefahren: Während die FCKW-Produktion aufgrund der Kassandrarufe der Schwarzmaler unter den Wissenschaftlern rechtzeitig verboten und massiv gedrosselt wurde, und man so das Wachsen des Ozonlochs vermindern konnte (es wird sogar wieder kleiner), ist es für eine Drosselung der CO2 Menge zu spät - ja es ist gar nicht an eine Verminderung zu denken. 4 Milliarden Chinesen wollen schließlich zu Autofahrern werden - und man kann es ihnen gerechterweise nicht übelnehmen. Wer sollte ihnen verbieten, werden zu dürfen, was wir seit 50 Jahren sind: Freie Bürger in freier Fahrt? Wer sollte den Brasilianern verbieten, ihren Regenwald abzuholzen? Die Europäer etwa, die ihre Wälder schon vor 500 Jahren gerodet haben? Ich vermute, ein verändertes politisches Handeln läßt sich in Europa erst dann durchsetzen, wenn Ronald Schill sich vor der Evakuierung der deutschen Küstenregionen nach Bayern absetzt und seine Partei von dort aus in Brüssel auf striktere Einwanderungsgesetze gegen die Flüchtlingsströme aus dem Norden drängt. Freiheit I. Nach einer Umfrage träumen zwei Drittel aller Männer davon, längere Zeit mit einem Segelboot unterwegs zu sein (Vgl. W. Erdmann, Segeln mit Wilfried Erdmann). Das wichtigste Argument dabei ist die Freiheit, die man dadurch habe und dabei genieße. Segeln sei die ultimative Freiheit, war das erste, was Gerhard, unser Mini-Moitessier uns erzählt hatte. Was für eine Vorstellung von Freiheit haben diese Leute? Nun," bekomme ich zur Antwort," man ist frei zu tun oder zu lassen, was man will! Ich kann heute hier sein und wenn es mir nicht gefällt, bin ich morgen woanders. Geht mir der Zollbeamte eines Landes auf die Nerven, fahre ich eben in ein anderes Land. Gefällt mir ein Hafen, eine Bucht nicht mehr, dann hole ich den Anker auf und fahre in die nächste Bucht, in den schöneren Hafen! Ich muß mir von niemandem sagen lassen, was ich tun oder lassen soll." Ist das Freiheit? Mich hat es immer schon gestört, wenn in diesem Zusammenhang die Freiheit strapaziert wurde, und ich habe ein bißchen hier und ein bißchen dort herumgelesen (ja! Ich komme zum Lesen!), was andere unter Freiheit verstehen, um vielleicht herauszufinden, was mich daran stört. Ein kluger Kopf hat gesagt, nein, Freunde, Freiheit ist das nicht: Wenn man sagen hört, die Freiheit überhaupt sei dies, daß man tun könne, was man wolle, so kann solche Vorstellung nur für gänzlichen Mangel an Bildung des Gedankens genommen werden...". Er nennt das Tun-Können-Was-Man-Will Willkür: Die gewöhnlichste Vorstellung, die man bei der Freiheit hat, ist die der Willkür ..." Der ... Mensch glaubt, frei zu sein, wenn ihm willkürlich zu handeln erlaubt ist, aber gerade in der Willkür liegt, daß er nicht frei ist." Nicht Freiheit also, sondern Willkür. Sagt Hegel. (Wer nun sagt, jetzt kommt der mit so einem alten Hut an", dem sei berichtet, daß ich eben, wo ich dieses schreibe, mit den Grundlinien der Philosophie des Rechts" eine Kakerlake erschlagen habe, die über unseren Kartentisch gewandert ist und die wir seit Tagen vergeblich versuchen, mit Borsäure zu vergiften. Ist also in mehrerer Hinsicht sehr nützlich der alte Georg Friedrich Wilhelm.) Also," protestiert Gerhard, unser Einhandsegler, der die Freiheit viel zu oft zur Sprache bringt, um wirklich so frei zu sein, wie er immer betont; Willkür ist viel zu negativ. Da kann ich mich nicht wiederfinden." Willkür ist doch nicht negativ, wenn man sie wie Georg Friedrich Wilhelm als die Möglichkeit zu wählen bestimmt, als die Möglichkeit, mich hier oder dort zu bestimmen"" antworte ich. Ist das nicht ein Streit um Worte?" höre ich Mini-Moitessier antworten. nenne es von mir aus Willkür. Aber diese Möglichkeit des Immer-Neu-Entscheiden-Könnens ist es ja gerade, was ich am Segeln so schätze." Mag ja sein. Was mir aber auffällt ist, daß du dich oft überhaupt nicht entscheiden kannst. Wie oft hast du schon einmal getroffene Entscheidungen über den Haufen geworfen oder konntest gar keine treffen. Als der Daniel dich in Gozo fragte, was du als nächstes machen würdest, sagtest du, daß dir noch nichts eingefallen sei. Daniels lapidare Antwort damals war: Mir fällt immer etwas ein!" - wofür ich ihn sehr bewundert habe. Das Problem bei deiner Sichtweise hat der alte Hegel so formuliert: Bei der Willkür ist der Inhalt der Wahl..nicht durch die Natur meines Willens bestimmt, sondern durch Zufälligkeit." Wenn denn du überhaupt wählst. Oft kannst du dich gar nicht entschließen und bleibst aus Angst, durch einen Entschluß für eine Wirklichkeit etwas von den unendlich vielen Möglichkeiten zu verlieren, im Möglichen. Das Mögliche aber ist noch nicht Wirklichkeit - es ist noch kein Leben. Durch das Beschließen allein tritt der Mensch in die Wirklichkeit, wie sauer es ihm auch wird, denn die Trägheit will aus dem Brüten in sich nicht herausgehen, in der sie sich eine allgemeine Möglichkeit beibehält." Was wir also sagen können ist, daß wir uns in einem Akt der Willkür entschlossen haben, so zu leben, so wie andere sich entschlossen haben, auf ihre Weise zu leben. Also lassen wir doch bitte bei Gesprächen über das Langzeitsegeln die Freiheit aus dem Spiel. Bei dieser Lebensweise ist man genauso frei oder unfrei wie bei jeder anderen auch. Ich bin sogar der Meinung daß es mit der Möglichkeit zu Wählen beim Segeln gar nicht so weit her ist. Viel zu oft müssen Entscheidungen aufgrund von Dingen getroffen werden, die die Wahl einschränken: Allen voran das Wetter: weht der Wind aus der falschen Richtung oder zu stark oder zu schwach, kann ich noch so viel wollen - es geht dann einfach nicht. Die Auswahl meiner Ziele hängt in hohem Maße nicht von meinen Wünschen ab, sondern davon, ob ich dort etwa Lebensmittel, Wasser oder Treibstoff bekomme. Da bestimmt dann die Notwendigkeit. Und wenn ich mir überlege, wie sehr Gerhards Reise vom Zwang, alles möglichst günstig oder kostenlos zu bekommen, bestimmt ist, und wie sehr er sich einschränken muß, um mit 350.Mark pro Monat über die Runden zu kommen... Ich gehe lieber öfter zum Couscous-Essen... Freiheit II oder: wie finanziere ich mich und mein Schiff? Du hast es doch am besten, Hans," meint Einhandsegler Gerhard, der mit uns und zwei weiteren Seglern beim besten Couscous, den es in Monastir gibt, sitzt. Du hast Leute um dich und kannst segeln. Da verbinden sich doch die beiden schönsten Dinge, die es gibt!" Du denkst Reisen mit Chartergästen hat irgendwas mit Segeln zu tun? Du hast keine Ahnung!" entgegnet Peter, Ende 30, braungebrannt mit halblangen Haaren und dünnrandiger Brille, im vorigen Leben Inhaber einer Sportschule in Deutschland, jetzt im Sommer mit zahlenden Gästen rund Korsika und Sardinien unterwegs. Den Winter verbringt er hier in Monastir. Gerhard protestiert: Ich habe auch schon Chartergäste gehabt! Ich weiß, wie das ist!" Du hast keine Ahnung, was Charter ist. Ich habe von Mai bis Oktober Leute an Bord, manchmal nur 3, in anderen Wochen sind es 8. Aber es ist kein Unterschied, ob ich drei Leute oder acht erziehen muß." Also wir haben immer Spaß gehabt. Da hast du wohl die falsche Einstellung" diagnostiziert Gerhard. Ich habe so die Nase voll von den Touristen," schimpft Peter. Es ist fürchterlich! Weil die Leute bezahlt haben, denken sie, sie könnten sich alles erlauben. Da werden ungefragt die Navigationsinstrumente aus den Schubladen geholt, Bücher aus den Regalen gezogen und liegengelassen - sie haben keinen Respekt vor fremdem Eigentum. Es ist doch ein Gebot der Höflichkeit, daß man zuerst einmal fragt! Die erwarten für ihr Geld einen Urlaub mit Vollversorgung. Sie wollen von vorne bis hinten bedient werden und entwickeln keinerlei Initiative. Ich bin doch nicht Animateur beim Club Med! Die Schlimmsten sind die, die, alles besser wissen. Die Leute mit BR-Schein. Die sind zu feige, ein Schiff selber zu führen und chartern deshalb bei mir. Und dann wollen sie mir erzählen, wie man segelt!" Ist sie das, die große Freiheit, oder was meinst du, Gerhard? Aber der ist davon überzeugt, daß Peter die falsche Einstellung hat. So kann man es natürlich auch sehen... Freiheit III oder Wie wir belogen werden und uns selbst belügen Die viel beschworene Freiheit beim Segeln - wer von denen, die davon faseln, hat überhaupt eine Vorstellung von dem, was er da sagt? Das Wort Freiheit" ist störrisch: Es widersetzt sich hartnäckig dagegen, daß man ihm eine positive Bedeutung gibt. Freiheit beschreibt eine Negation: Sie ist das Gegenteil von Unfreiheit. Freiheit ist Abwesenheit: Abwesenheit von Fesseln, von Beschränkungen, von Grenzen; sie ist das Ende von Gefangenschaft: Sie sind frei!" sagt der Richter zum Angeklagten, wenn er seine Strafe abgesessen hat. Aber: Mit Machen Sie sich frei" fordert der Arzt seinen Patienten auf, sich auszuziehen - Abwesenheit von Bekleidung. Das Wort Freiheit" läßt sich nicht mit positivem Inhalt füllen. Es bezeichnet die Negation einer Negation - die Negation der Unfreiheit. Die am häufigsten benutzte adjektivische Formulierung scheint frei von" zu sein. Damit wird ausgesagt, daß etwas fehlt - es kann etwas Positives fehlen: eine Sache ist frei von Sinn; eine Person ist frei von jeglicher Intelligenz, wenn sie ausgesprochen dumm ist, jemand kann frei von Skrupeln sein;... oder es fehlt etwas Negatives: man ist frei von Fesseln, frei von Beschränkungen,.... Fehlt etwas Positives, wird ein Negativum ausgedruckt, fehlt etwas Negatives drückt man damit etwas Positives aus. Entledigt von allem emotional konnotierten Ballast bezeichnet Freiheit die Abwesenheit von etwas - weiter nichts. Was an Wertungen darüber hinausgeht (Freiheit als höchstes Gut"), ist dazu assoziiert. Das wird deutlicher, wenn man versucht, herauszubekommen, wie und ob Freiheit wahrgenommen werden kann: Wir können Freiheit nicht wahrnehmen. Wahrgenommen werden entweder ihre Abwesenheit - Unfreiheit, nämlich als Fesseln, als Kerker, als Gefangenschaft oder es werden Gefühle wahrgenommen, die mit Freiheit" verbunden sind: Sehnsucht nach Freiheit (was aber wieder auf ihre Abwesenheit hindeutet) oder Freiheitsgefühle - wie aber fühlt sich das an? - ich wüßte nicht, wie wir Freiheit empfinden können. Da sind dann wohl eher Glücksgefühle im Spiel. Befremdlich genug, daß sich ein Begriff, den man so oft benutzt, sich gar nicht mit Inhalt füllen läßt - höchstens indem man ihn als das Gegenteil seines Gegenteils beschreibt. Dabei spielt die Freiheit eine unglaublich große Rolle im unserem Sprachgebrauch: Wir leben in einem freien Land oder im freien Westen, haben die freie Marktwirtschaft, freie Meinungsäußerung, freie Presse, freie Berufswahl, freie Wahlen, Entscheidungsfreiheit und wer weiß was noch alles. Meditiert man über die Assoziationen, die sich beim Wort Freiheit" einstellen, wird eines deutlich: Mit Freiheit" sind ausschließlich positive Vorstellungen verbunden: Unabhängigkeit, Kraft, Grenzenlosigkeit, Abwesenheit von Fesseln, Selbstbestimmung,...- Freiheit hat ein hohes Ansehen, sie wird als etwas absolut Erstrebenswertes angesehen, ja als die Bedingung für Glück: Liberté, Egalité, Fraternité - die Parole der französischen Revolution. Wie merkwürdig widersprüchlich ist dagegen die Tatsache, daß der Begriff sich gegen jede positive Inhaltsbestimmung sperrt. Betrachtet man die Funktion, die die Rede von der Freiheit erfüllt, wird´s spannend: Hören oder denken wir Freiheit", stellen sich jene oben angesprochenen positiven Gefühle ein - oder die Sehnsucht danach (Gefühle der Unabhängigkeit, der Kraft, des Glücks, der Unabhängigkeit,...). Es werden Gefühle erzeugt. Diese Gefühle werden auf die mit Freiheit" verbundenen Begriffe übertragen: Dadurch ist die freie Marktwirtschaft, der freie Bürger, die freie Berufswahl, das freie Deutschland, der freie Westen... in ein so gutes Licht gerückt, daß gar nicht das Bedürfnis entsteht, die real existierende Marktwirtschaft, das aktuelle Bürgertum, die Presse, die wir heute in Deutschland haben... näher zu betrachten und einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Freiheit wird als Funktionsbegriff gebraucht: Das damit Bezeichnete soll aus der Schusslinie gebracht und auf einen hohen Sockel gestellt werden. Genaueres Hinsehen wird als Revolution denunziert
In seiner Funktion als Erzeuger von positiven Emotionen, die auf andere Begriffe übertragen werden, entpuppt sich das Wort Freiheit" als Wieselwort (genauso friedlich" in der grotesken deutschen Schöpfung zur Bezeichnung jenes Ereignisses. Der Nationalökonom F.A. Hayek ist der Meinung, daß auch sozial" in jener Marktwirtschaft ein solches ist). Wie das Wiesel vom Ei die Schale unversehrt läßt, aber den Inhalt frißt, raubt das Wort frei" (oder friedlich") dem damit verbundenen Begriff den Inhalt: freie" Marktwirtschaft ist keine Marktwirtschaft mehr, eine friedliche" Revolution ist keine Revolution. Das Gerede von der Freiheit verschleiert etwas. Ich vermute, daß tatsächlich existierende Unfreiheit verschleiert wird - weshalb müßte man sonst so sehr betonen, wie frei man ist? Wer frei ist, redet nicht von der Freiheit. zurück 5. Rundschreiben (Tunesien und Sadinien)26.6.2002 Schulprobleme 1Einige Tage vor unserer Abreise nach Monastir schickt uns der Rektor von Daniels Schule in Maisach einen Brief, in dem er uns eindringlich darauf hinweist, daß bei einer längeren Abwesenheit Daniels ganz alleine wir, die Eltern, die Verantwortung dafür tragen, wenn Daniel später Schulprobleme hat. Ich bin etwas verwirrt und weiß nicht recht, was er uns damit sagen will. Bedeutet das, daß die Schule die Verantwortung für Daniels Schulprobleme übernimmt, wenn wir in Deutschland blieben? Welche Folgen hätte das wohl für die Schule? Und für uns: Könnte man die Schule regresspflichtig machen? Spränge da etwas heraus? Vielleicht sollten wir in Deutschland bleiben und Daniel Schulprobleme kriegen... Die HummelDie Hummel aus Frankfurt begleitet uns von Monastir nach Sardinien. Georg, Tanja (9) und Miki (Pudel mit Terrier) haben in Monastir auf der 8m langen Stahlyacht überwintert, Sabine war 3 Monate in Deutschland gewesen. Weil wir uns gut verstanden und ein gutes Stück gemeinsamen Weges hatten, war recht schnell der Plan geboren, bis Sardinien zusammen zu fahren. Gemeinsame Aufgaben (etwa schulpflichtige Kinder mit Anstand großzukriegen, ohne daß sie verwildern -der Ausdruck stammt von einem sympatischen Berliner Pensionär, der mit seiner Frau und einer Hallberg-Rassy in Monastir überwintert hat) und ähnliche Interessen (Auf Georgs Initiative kommt in Monastir eine Skatrunde zusammen, die, in wechselnder Besetzung bis zu unserer Abfahrt den ganzen Winter über besteht Unterwegs schauen wir uns in den sardischen Bars einige Spiele der Fußball WM an) legen nahe, daß wir eine Zeitlang zusammen fahren. Unsere Wege trennen sich in Sardinien, die Hummel fährt weiter nach Korsika und wir nach Westen auf die Balearen. Die Frankfurter sind seit 5 Jahren im Mittelmeer unterwegs. Von Holland sind sie durch die Kanäle bis zur Rohnemündung gefahren, haben dann Italien umrundet, sind von Griechenland aus in die Türkei gefahren und haben ihren letzten Winter in Monastir verbracht. Jetzt sind sie auf dem Weg zurück nach Deutschland, wollen das Boot wieder durch die Kanäle nach Holland überführen, wo die Reise vor 5 Jahren begonnen hat. Tunesien8 qm SeekartenAm schwarzen Brett der Marina hängt eine Anzeige: Ein Laden in Monastir verkauft Seekarten. Weil wir noch keine von den Balearen, den Kanaren und Spanien haben, lasse ich mir im PHOTOCOPIE DU CENTRE den Katalog zeigen. Dort ist jede Seekarte der ganzen Welt zu kriegen. Ich erkundige mich nach dem Preis. Die junge Frau nennt mir eine recht geringe Summe. Mein französisch ist nicht mehr sehr gut aber ich meine etwas von pro Qadratmeter verstanden zu haben. Etwas verdutzt überschlage ich, wieviel die gewünschten Karten wohl kosten werden. Das kann nicht allzu teuer werden. Also bestelle ich alles, was wir brauchen. Als ich meine Karten ein paar Tage später hole, bekomme ich eine dicke Rolle Kopien in die Hand gedrückt - insgesamt etwa 8 qm. Einige sind schon überholt, in anderen sind noch die Standlinien von Vorbesitzern (oder -benutzern) eingezeichnet. Aber brauchbar sind sie allemal, denke ich mir. UnterwegsSegeln in Tunesien ist spannend. Es gibt einige Marinas, die beinahe den Komfort europäischer Yachthäfen bieten (z.B. Monastir, Port El Kantaui, Sidi Bou Said, Bizerte). Geschützte Ankerplätze gibt es dort, wo wir waren, so gut wie keine. Will oder muß man also die tunesische Küste entlangsegeln, so wie wir das von Monastir bis Bizerte gemacht haben, ist man auf die Fischereihäfen, die im Abstand zwischen 30 und 60 sm voneinander entfernt sind, angewiesen. Dort sind Yachten nicht völlig unbekannt, aber es kommt nicht alle Tage vor, daß sich zum Vergnügen jemand dorthin verirrt. Touristische Infrastruktur gibt es so gut wie keine und die Fischer sind freundlich, aber reserviert. Kontakte ergeben sich vor allem mit Behördenvertretern (in jedem Hafen muß man sich bei der Polizei an- und abmelden, bevor man zum Hafenkapitän geht, um seine Gebühren zu entrichten) und mit Kindern. Wir sind viel zu Fuß unterwegs, weil wir öfters in einem solchen Hafen eingeweht wurden und viel Zeit hatten, die Gegend um den Hafen zu erkunden. Jede Exkursion, die uns durch eine Siedlung führt, endet damit, daß eine Traube von 8 bis 16 jährigen Jungs uns begleitet. Besonders spannend ist Miki, der Pudel für die Tunesier. Sie können überhaupt nicht verstehen, daß wir von einem Hund begleitet werden. Hunde sind dort Wachhunde, nicht selten bissig und immer wieder werden Steine auch nach Miki geworfen, weil die Kinder Angst vor ihr haben. Georg hetzt zum Spaß den Hund auf die Kinder: Miki, faß!. Schreiend flüchten auch die 16 jährigen in wilder Panik - nur um Sekunden später wieder als liebenswert-lästige Begleiter um uns zu sein. Eine Sensation sind auch unsere Kinder: Daniel als blonder Junge und die ebenfalls blonde Tanja, die auch noch französisch spricht, sind eine Attraktion. Warum streicheln die mich immer über den Kopf? fragt Daniel immer wieder und ich versuche ihm klarzumachen, daß die meisten Menschen hier wahrscheinlich noch nie einen blonden Jungen gesehen haben. In Sidi Daoud am Cap Bon machen wir einen langen Spaziergang durch bewirtschaftete Felder. Zwei Kuhhirten kommen auf uns zu. Wir werden mit Handschlag wie alte Bekannte begrüßt, und weil wir mit Aslama grüßen, meint der eine, wir würden ihn perfekt verstehen. Er redet ungebremst auf uns ein. Wir meinen zu verstehen, daß er uns zum Essen zu sich nach Hause einlädt. Seine Enttäuschung ist ihm aufs Gesicht geschrieben, als wir ablehnen. Die Fischereihäfen sind meist überfüllt mit Fischerbooten. In Sidi Daoud liegen wir längsseits an einem größeren Fischerboot und die Hummel im Päckchen mit uns. In Ghar El Melh weist uns einer der Fischer einen freien Platz an der Mole zu. Der Polizist, der wenige Minuten, nachdem wir festgemacht haben, kommt, um uns offiziell in Empfang zu nehmen, meint, hier läge normalerweise ein Fischerboot, aber der soll sich eben einen anderen Platz suchen. Später, als es schon dunkel wird, will tatsächlich noch ein Fischer vor uns anlegen, weil er ein Netz aufladen muß, das auf dem Steg liegt. Wir sollten doch noch einen Meter zurück, damit er hineinpaßt. Das tun wir, aber wir weisen ihn eindringlich darauf hin, daß die Windfahnenselbststeueranlage an unserem Heck sehr empfindlich ist, und eine Berührung mit seinem Steven nicht überleben würde. Ja ja, meint der Kapitän, er werde eine Spring legen. Tut er aber nicht. Ich verbringe zwei bange Stunden, während derer die Fischer ihren Motor reparieren und das Netz einladen, aber keine Spring legen. Erst als der Fischer haarscharf mit seinem massiven Steven an unserem Autopilot vorbeischrammt, und wir protestieren, wird eine Art Wäscheleine von 8 mm Durchmesser zum Steg geführt, die das 10 Tonnen schwere Schiff von unserem abhalten soll - und tatsächlich auch tut. Zum Glück ist diese Nacht ruhiges Wetter. Kelibia ist unglaublich. Wieder ein Fischereihafen, ein paar wenige Yachten am Gästesteg - hier klarieren viele von Sizilien kommenden Yachten in Tunesien ein. Hier kann die Passage in zwei Tagesetappen mit Station in Pantelleria gemacht werden. Oberhalb der Stadt liegt eine alte Festung, zu der ich am späten Nachmittag hochhgehe, während die restliche Crew der Sancara mit der der Hummel und Jean-Pierre von der Petite Verte in die Stadt gehen, um einzukaufen. Nach Westen kann ich Pantelleria sehen - das ist der halbe Weg bis nach Sizilien. Nach Süden habe ich den Panoramablick über den Hafen. Es ist die Zeit, zu der die Fischer rausfahren. Viele auch der größeren Boote sind nicht motorisiert. Mit bis zu 12 Mann Besatzung pullen sie bis in die Hafenausfahrt und warten dort auf ein größeres Boot, dem sie eine Leine zuwerfen und von dem sie sich bis in die Fanggründe schleppen lassen. Bis zu sechs, sieben Boote bilden solch einen Konvoi. Mit einer Geschwindigkeit, die wohl deutlich über der Rumpfgeschwindigkeit der kleineren Boote liegt, geht es dann durch heftigen Seegang viele Seemeilen nach draußen. Ob da in der Dunkelheit alle wieder zurückkommen? Zwei Stunden lang beobachte ich das Treiben dort im Hafen. Ich kann mich nicht losreißen, obwohl der Blick nach Westen genauso spannend ist. Da nämlich sieht man die Stadt und was in ihr am Feierabend passiert. Überall sind Menschen zu sehen, die von der Arbeit vom Feld oder vom Markt kommen, Kinder spielen in den Straßen, Tiere fressen auf den Weiden oder in dem Pinienwald unterhalb der Festung. Die Fremdheit einer arabischen Stadt liegt in einer angenehmen Distanz unter mir vor meinen Augen - selten habe ich ein aufregenderes Programm genossen. In Sidi Daoud liegt ein Thunfischnetz direkt in Verlängerung der Hafeneinfahrt drei Kilometer ins Meer hinaus. Die Seekarte zeigt zwar ein Seezeichen, das das äußere Ende des Netzes markieren soll, aber fast überfahren wir das Netz: es liegt ganz woanders, als es laut Karte und Hafenhandbuch liegen soll. Im letzten Moment sehen wir es erst; die Suche nach Netz und Seezeichen wird erschwert durch Böen, die mit bis zu 8 Windstärken über uns herfallen. Wir haben kurz vorher Cap Bon umrundet. Das als windreich bekannte Cap war nicht sehr freundlich zu uns. Bei strahlendem Sonnenschein hat es fürchterlich geblasen und wir waren froh, als wir endlich um die Spitze herum waren, wo zwar nicht weniger Wind, aber deutlich weniger Seegang war. Als wir später glücklich im Hafen festmachen, erzählt uns der Polizist, daß es für das Thunfischnetz zwei Positionen gibt. Mal ist es zwischen Hafen und der in der Karte gezeigten Tonne gespannt, mal zwischen Hafen und der Tonne, die wir fast überfahren hätten. Die Hafeneinfahrt sei doch aber ganz einfach zu finden, wenn man es wüßte, meint der Schlaumeier. Ja wie denn, wenn in der Literatur nur die eine Position beschrieben wird? SardinienDie ÜberfahrtPünktlich zum Jahrestag unserer Abfahrt aus Slowenien steht mal wieder eine Nachtfahrt ins Haus (Schiff). 120 sm von Afrika nach Europa = 24 h Segeln nonstop und schon ist man drüben. Wir starten bei sehr guten Bedingungen morgens um 8.00 Uhr von Bizerte, leichter Ostwind bläht unsere Segeln und der Windpilot übernimmt die Steuerarbeit, so bleibt für den/die RudergängerIn nur noch Ausguck zu halten, denn in der Straße von Sardinien herrscht reger Schiffsverkehr. Die Hummel neben uns hat ihren buntes Vorsegel gesetzt und wir genießen den schönen Segeltag. Daniel geht abends mit Papa Wache, er hält Ausschau nach den Lichtern der Schiffe und kann sogar drei Sternschnuppen fallen sehen. Am Morgen begrüßt mich der Tag mit einem wunder- baren Sonnenaufgang und um 9.30 Uhr fällt unser Anker in einer türkisfarbenen Bucht im südwesten von Sardinien. So macht mir Segeln wirklich Spaß. Die Ostküste14 Tage lang sind wir an der Ostküste Sardiniens unterwegs. Porto Corallo, Arbatax, Cala Ganone, La Caletta und Cala Brandinghi heißen unsere Stationen. Die Küste zeigt sich teils steil und felsig, teils stehen hier große Pinienwälder hinter langen Sandstränden. Sowohl die Umgebung als auch der Ort von Cala Gonone gefallen uns besonders gut. Leider können wir hier nicht länger bleiben, da der Hafen sehr klein und sehr voll ist und wir mehr schlecht als recht an einem großen Ausflugsschiff festmachen. Gegen Abend mache ich einen Ausflug entlang der Steilküste. Ein schmaler Weg führt mich über die Felsen zu großen Höhlen, über mir ragen steile Felswände empor, unter mir rollen die Wellen an die Felsen. Ich sitze und schaue, laufe und bleibe wieder stehen, weil es so viel zu sehen gibt. Mehrer Tage verbringen wir in Arbatax. Einmal, weil es sehr viel Wind hat, zum anderen, weil wir von hier einen Ausflug mit dem Bus ins Landesinnere machen können. Wir fahren von einem kleinen Bergdorf zu anderen und bekommen einen ersten Eindruck vom Landesinneren. Leider gibt es bei der Rückkehr eine böse Überraschung. Innerhalb kürzester Zeit hat der Wind so aufgefrischt und gedreht, daß sich der Anker von der neben uns an der Pier liegenden Hummel losgerissen hat und Hummel an den Steuerbordbug von Sancara kracht. Sie drückt Sancara zusammen mit dem Wind so gegen den Steg, daß die Fender platzen und Sancara mehrere Beulen bekommt. Auch die Hummel kracht gegen die Pier. Als wir von unserem Ausflug zurückkommen sind gerade zwei nette Menschen damit beschäftigt die Hummel behelfsmäßig festzumachen und sie haben Sancara auch schon mit unserem Restbestand an Fendern ausgestattet. Die Schadensbesichtigung ergab mehrere Beulen, aber zum Glück keinen Schaden, der einer sofortigen Reparatur bedarf. Wenn wir keine Metallschiffe gehabt hätten, wäre es sehr viel schlimmer gewesen. So hat Sancara Lebensspuren bekommen und wir sind eine Erfahrung reicher. Daniels GeburtstagZum zweiten Mal feiert Daniel seinen Geburtstag auf der Sancara. Sein Wunsch war wieder in einer Bucht zu feiern und so suchten wir uns ein schönes Plätzchen. Mit Kerzen, Kuchen und Geschenken wurde Daniel am Morgen ausgiebig gefeiert. .Unter den Geschenken war auch ein Kindergummiboot, daß natürlich sofort aufgeblasen wurde. Daniel kann es selbst paddeln und kurvte auch gleich zur Hummel um es vorzuzeigen. Am Abend entfachten wir ein Lagerfeuer und grillten Würstchen. In der Geburtstagsbucht ging auch ein weiterer Wunsch Daniels in Erfüllung. Er wollte gerne mal wieder eine Insel besuchen, auf der nur Möven wohnen. Zusammen mit Mathias erkundete er die einsame Insel, sehr zum Unmut der aufgeschreckten Möven. Sie kackten ihnen dafür das Dingi kräftig voll! Costa SmeraldaDer angeblich schönste Teil Sardiniens die Costa Smeralda bietet viele Inseln und Buchten und somit ein wunderschönes Panorama. Allerdings ist sie sehr touristisch und in jeder Bucht stehen Villen oder Hotels. Die Marinas sind nobel und entsprechend teuer und so ankern wir lieber. Georg von der Hummel ist sehr enttäuscht, suchte er doch in der größten Mittagshitze einen Fernseher, um sich ein Spiel der Fußballweltmeisterschaft anzusehen und fand nur Betreten verboten und Kein Zutrittschilder. Also nichts wie weg hier. Nationalpark La MaddalenaNatur pur gibt es hier. Mehrere größere und kleinere Inseln stehen hier unter Naturschutz, sind zum größten Teil unbesiedelt und bieten wunderschöne Buchten zum Ankern und Schnorcheln. Wir verbingen 2 schöne Tage, tagsüber bei Temperaturen über 30 Grad meist im Wasser oder im Schatten, abends auf Wanderungen und Bootstouren mit dem Dingi. In der Bucht Cala Francese erkunden wir einen alten Steinbruch. Es stehen noch alte Gerätschaften herum und die Kinder überlegen ausführlich, wie das wohl vonstatten ging. Natürlich versuchten wir auch die steilen Wände zu erklimmen, hatten aber keine Chance. Abschied von der HummelUnd dann hieß es Abschied nehmen von der Crew der Hummel. In der Straße von Bonifacio trennten sich unsere Wege. Die Hummel fährt Richtung Norden, wir zurück nach Sardinien um noch das Inselinnere zu erkunden, bevor wir uns aufmachen nach Menorca. Schön war die gemeinsame Zeit. Daniel und Tanja haben viele Tage lang ausdauernd Playmobil und anderes gespielt, und Mathias und ich haben Doppelkopf spielen gelernt. Fast jeden 2. Abend saßen wir auf einem der Schiffe zusammen und haben Karten geklopft. Auch konnten wir uns einiges von den Erfahrungen , die die 3 in 5 Jahren im Mittelmeer gesammelt haben abgucken und mit Georg lernt man das billige Einkaufen. In Tunesien kauften wir einmal sogar Hühner, die vor unseren Augen geschlachtet und gerupft wurden und Georg übernahm fachmännisch das Ausnahmen. Es ist sehr, sehr nett mit einem anderen Schiff zusammen unterwegs zu sein. Man sieht sich nur, wenn man dazu Lust hat, ist trotzdem unter sich auf dem eigenen Schiff und für Daniel ist und auch für uns ist es von unschätzbarem Wert eine Spielkameradin zu haben. Wir Eltern sind zum Playmobilspielen einfach nicht geeignet (Orginalton). Ausflug ins LandesinnereMit Mietwagen und Zelt machten wir uns auf die alten Nuraghenstätten und das Landesinnere von Sardinien zu sehen. Daniel lockte vor allem die Aussicht einmal in einem Zelt zu schlafen und er war hin und her gerissen zwischen Vorfreude und Grusel. Ich weiß aber nicht, ob ich dann schlafen kann, da kann ja einfach jeder rein. Die Bedenken waren vielfältig aber mit Mami und Papi im gleichen Zelt schlief er dann tief und fest. 4000 bis 5000 Jahre alt sind sie, die Nuraghenstätten, die wir besuchten. Ein sogenanntes Gigantengrab, bestehend aus riesigen behauenen Felsbrocken, ein ehemaliger Ort mit den Resten der Häuser, Tempel, Versammlungsort, Brunnen und Zisterne und ein kleines Grab besichtigten wir in bei über 30 Grad Hitze. Zur Abkühlung erkundeten wir eine Tropfsteinhöhle. Hauptattraktion war hier ein Tropfstein, der 38 m mißt (der Größte Europas) aber auch ein weiße Spinne, und die glitzernden und mit Tropstein überzogenen Wände fesselten unsere Aufmerksamkeit. Und dann kurvten wir natürlich auch durch das bergige Land und wunderten uns über die oft durchschossenen Ortsschilder. AusblickSpätestens in zwei Wochen wollen wir Sardinien verlassen und gen Balearen schippern. Dort erwarten wir dann Mavic, Miki, Kata und Martin Gummert zum gemeinsamen Segeln. |